Streets of Rio

Alexander Pick berichtet über ...

... FAVELAS IM HIER UND JETZT

Man darf nie vergessen: Ein CITY OF GOD spielt in den 70er-Jahren und ist entsprechend dem Look und Stil dieser Ära angepasst. Unser Film spielt im Hier und Jetzt. Er zeigt Favelas so authentisch, wie man sie zeigen kann. Darauf haben wir viel Wert gelegt. Ich war vor dem Dreh bereits drei- oder viermal in Brasilien gewesen und habe über viele Zufälle jemanden kennen gelernt, der Zugang zu der legendären Schauspielschule hat, die Jugendliche aus den Favelas ausbildet. Zwei oder drei Jungs aus dieser Schule hatte man bereits für CITY OF GOD ausgesucht. Entsprechend genießt sie in Brasilien gerade bei Jugendlichen ein hohes Ansehen. Ihr Leiter ist in unserem Film in der Anfangssequenz kurz zu sehen. Er hat die Schule mitten in einer Favela als soziale Einrichtung gegründet und holt ausschließlich Straßenkinder in den Unterricht. Es gilt als große Ehre, von ihm als Schauspieler ausgebildet zu werden. 70 Prozent unseres Castings haben wir mit der Schule gemeinsam gemacht, die das mit großem Ernst und hoher Professionalität abgewickelt hat. Einen Haken hatte es natürlich, mit Kindern aus der Favela zu arbeiten. Wir wussten nie, ob unsere Hauptdarsteller am nächsten Tag auch zum Dreh erscheinen würden. Gerade die Hauptdarsteller wollten wir gerne in einem Hotel unterbringen. Sie haben sich allesamt geweigert und in ihren Favelas bei ihren Familien übernachtet. Bei uns herrschte also die ständige Angst, unsere Hauptdarsteller könnten in Bandenkriege geraten und erschossen werden. Das klingt vielleicht extrem, aber spiegelt doch nur die Probleme wider, mit denen wir in Brasilien täglich zu kämpfen hatten.

... DIE ANFÄNGE DES PROJEKTS

Ich war vor drei Jahren zum ersten Mal in Brasilien, um einen Videoclip für Luka zu drehen, die in Brasilien zwölf Monate lang mit ihrem Song „To nem ai“ Nummer eins war. Da habe ich viele hochinteressante Menschen kennen gelernt und mit der Recherche begonnen, weil ich eigentlich eine Dokumentation über Macumba, eine afro-brasilianische Version von Voodoo, drehen wollte. Der eigentliche Auslöser für STREETS OF RIO war dann allerdings mein damals 15-jähriger Sohn, der Ambitionen hatte, Fußballprofi zu werden und zu einem Probetraining der Tottenham Hotspurs nach London eingeladen wurde. Ich habe ihn eine Woche lang besucht, um mir das anzusehen, und wurde in einem der Spielerhotels untergebracht. Natürlich bin ich seit langem großer Fußballfan und hatte auch schon davon gehört, aber da habe ich live miterlebt, wie Kinder aus Afrika, Brasilien und Argentinien mit nichts außer einer Plastiktüte mit ihren Habseligkeiten, einem Trainingsanzug und Fußballschuhen durchgeschleust und nach drei Tagen Auswahltraining wieder heimgeschickt wurden. Einer unter einer Million hat eine Chance darauf, in ein Fußballinternat gesteckt zu werden. Es war ziemlich deprimierend, das mitanzusehen. Als ich kurz darauf beruflich noch einmal nach Brasilien musste, lag für mich auf der Hand, in diese Richtung weiter zu recherchieren und mir anzusehen, wie es da aussieht, wo diese jungen Fußballer herkommen. Und ich habe mich nach Drehmöglichkeiten in den Favelas umgesehen. Ein halbes Jahr nach den ersten Kontakten, auch mit der Schauspielschule, die in den Favelas so einflussreich ist, weil sie sozial viel bewegt, sind wir noch einmal hingereist und begannen mit Casting und Locationsuche für den Film. Wir haben ein Promo gefilmt und geschnitten, um einen Eindruck von den Umständen vor Ort zu vermitteln. Und damit kamen wir ins Gespräch mit unserer Produktionsfirma, Orange Pictures.

... DIE ARBEIT AM DREHBUCH

Ich komme aus dem Bereich des Dokumentarfilms und habe gelernt, auf das zu reagieren, was unmittelbar während eines Drehs passiert. Entsprechend gingen wir bei unserem Film vor. Zunächst gab es ein 40-seitiges Treatment von mir, in dem ich das verarbeitet habe, was ich in Brasilien und dem Spielerhotel erlebt und gesehen hatte. Man muss nur einmal nachts die Copacabana entlanglaufen, wenn man erleben will, welchen Stellenwert Fußball in Brasilien genießt: Da ist wirklich jeder Quadratzentimeter absteckt für Strandfußball-Spielfelder. Tausende spielen da Fußball. 24 Stunden, rund um die Uhr. Überall. Am Strand, in den Hinterhöfen, in den Favelas. Fußball ist dort eine Weltanschauung. Ich wusste, dass Fußball wichtig ist für die Menschen in Brasilien, aber dass er Religion ersetzt, hatte ich mir in dieser Form nicht vorstellen können. Meine Idee war es also, die Geschichte eines Fußballtalents zu erzählen und die Probleme zu zeigen, mit denen der Junge in Brasilien in den Elendsvierteln zu kämpfen hat, welche Kleinigkeiten einem solchen Jungen bei seinen Versuchen, es rauszuschaffen, im Weg stehen können. Wahrscheinlich gibt es hunderte weiterer Ronaldinhos, von denen wir niemals hören werden, weil sie es nicht einmal jenseits der Mauern ihrer Favela schaffen. Besagtes erstes Treatment war schon sehr nah am fertigen Film. Nachdem Orange Pictures an Bord kamen, ließen wir es noch einmal von einem professionellen Autor überarbeiten, der zusätzliche Dialoge schrieb und die Handlung dramaturgisch etwas zuspitzte. Manches davon konnten wir beim Dreh in Brasilien allerdings nicht so umsetzen. Es lässt sich dort nichts mit endgültiger Sicherheit planen. In Rio de Janeiro und den Favelas herrscht sowieso Anarchie und Chaos. Wenn man in einer Favela heute einen Drehtermin für morgen vereinbart, kann es sein, dass man mitten in einen Bandenkrieg gerät und die Location einfach nicht nutzen kann. Wir haben derlei verrückte Sachen laufend erlebt. Mehrfach wurde auf uns geschossen. Wir sind einmal von der Militärpolizei verhaftet worden und wurden von der Drogenmafia bedroht. Wir gerieten in einen Großeinsatz eines Sondereinsatzkommandos. Dann muss man spontan reagieren und improvisieren. Unsere Erfahrung als Dokumentarfilmer kam uns dabei entgegen. Dennoch ist es vor Ort in den Favelas einfach nicht möglich, strikt nach einem Drehbuch vorzugehen. Aber es war gut, eines zu haben. Sonst hätten wir den Film nie fertig stellen können. 90 Prozent davon haben wir auch umgesetzt. Die anderen zehn Prozent, das unmittelbare Reagieren auf Situationen, das Aufnehmen von ungeahnten Momenten in die Handlung, waren natürlich das Spannendste, was uns widerfahren ist.

... RECHERCHE VOR ORT

Ich war mit zwei Freunden in Brasilien: Oliver Jahr, ein langjähriger Freund und Mitproduzent von mir, und mein Oberbeleuchter Werner Stoiber Graf von Bothmar. Wir sind ein eingeschworenes Team und haben auch schon ein paar gefährlichere Situationen bei Drehs hinter uns. Wir haben uns alles angesehen, selbst Ecken wie Villamimosa, die man als weißer Tourist tatsächlich eher meiden sollte, wenn man nicht nach 50 Metern erschossen werden will. Einer unserer Kontakte, den wir bei unserem Videodreh getroffen hatten, gehörte selbst einmal zu den oberen Bossen einer Favela. Seine Freundschaft erwies sich als sehr hilfreich. Und wir hatten noch einen weiteren Kontakt zu einem Experten, der Führungen durch Favelas macht und Touristen dafür sehr viel Geld abknöpft. So kamen wir an die Favela-Bosse heran, ohne deren Zustimmung ein Dreh unmöglich gewesen wäre. Wie alles in Brasilien läuft natürlich auch das über Geld. Wenn Vertrauenspersonen erst einmal den Kontakt hergestellt haben, werden Preise aufgerufen. Das Geld geht gar nicht einmal an die Bosse selbst. Eher muss man in Kindergärten oder ähnliches investieren. In der Zona Norte, eine Voodoo-Gegend, hat man von uns nur verlangt, eine gewisse Anzahl an Ziegeln, Ton und Holzlatten zu kaufen, damit sie ihren Voodoo-Gral wieder etwas auf Vordermann bringen konnten. Eine skurrile Erfahrung. Insgesamt hat es sehr gut funktioniert – von wenigen Ausnahmen abgesehen. Es kann nämlich passieren, dass man sich mit einem Favela-Boss einig geworden ist, der aber unter Umständen schon gar nicht mehr lebt, wenn man eine Woche später zum vereinbarten Drehtermin erscheint. Seinem Nachfolger sind die Abmachungen des Vorgängers natürlich egal. Dann muss man eben neu verhandeln. Es ist einfach sehr korrupt und archaisch in den Favelas.

... GANGS UND DROGEN

Die Favelas, das sieht man im Film sehr gut, sehen aus der Distanz aus wie Bienenwaben. In Cantagallo, einer der Favelas, entdeckt man aus der Distanz inmitten der grauen Wabe ein hoch herrschaftliches weißes Anwesen, das aussieht, wie man sich die Villa eines Drogenbarons in Kolumbien vorstellt. Dort wohnt der örtliche Chef. Die hochkriminellen Favelas leben in erster Linie von Drogenhandel. Das haben wir sehr direkt miterlebt beim Dreh der Schlussszene in der Bar mit dem Drahtzaun, die sich vor einer der gefährlicheren Favelas befindet. Die Hauptstraße, die vorbeiführt, ist die klassische Drogendealerstraße. Wir drehten dort an einem Samstag und hatten die Vereinbarung getroffen, bis 22 Uhr filmen zu können. Der Hintergrund war uns damals nicht ganz klar. Aber es ist natürlich offensichtlich: Die Gangs machen ihren Umsatz am Freitag, Samstag und Sonntag mit den ungemein populären Baile-Funk-Partys. Auf den Straßen zu den Hallen warten nicht selten 100 Drogendealer, um ihr Geschäft mit den Besuchern der Partys zu machen. Und eine solche Straße hatten wir für unseren Dreh perfekt ausgeleuchtet. Die Dealer hatten natürlich keine große Lust, ihre Drogen im Scheinwerferlicht zu verkaufen. Als wir um 22 Uhr immer noch drehten, wurden wir erst einmal mit einer Maschinenpistolengarde gewarnt. Das wirkte. Gerade unsere brasilianischen Crewmitglieder reagierten geradezu panisch. Wahrscheinlich lag es an unserer Unbedarftheit, dass wir uns nicht wirklich bedroht fühlten. In jedem Fall wurden wir nach der Garde noch einmal eindringlich von einem Kurier gewarnt, dass beim nächsten Mal scharf geschossen würde. Während des Abbaus haben wir die Szene fertig gedreht und sind dann schnell verschwunden. Zum Glück ist keine der Situationen jemals eskaliert. Ich hatte immer den Eindruck, dass es fair abläuft.

... POLICE & THIEVES

Die Polizei geht nur in Notfällen oder bei Großeinsätzen in die Elendsviertel. Bei unserer ersten Recherche haben wir miterlebt, wie drei Helikopter mit einem Einsatzteam in der Favela gelandet sind, und gerieten in eine Schießerei zwischen Polizei und Gangs. Die einen schossen nach oben, die anderen nach unten. Wir waren zwischendrin. Es gibt regelmäßige Einsätze. Ansonsten werden vor den Eingängen der Favelas Panzer positioniert, und es wird kontrolliert, wer das Viertel betritt und verlässt. Die Polizei geht in den seltensten Fällen rein. Und die Einwohner der Favela gehen in den seltensten Fällen raus. Es ist eine Pattsituation. Wenn ein Drogenkartell zu mächtig wird, versucht die Stadt, es wieder auf eine kontrollierbare Größe zu zerschlagen. Mittlerweile ist die Lage in Rio aber nicht mehr zu kontrollieren. Gerade in Zona Norte sind die Gangs bis an die Zähne bewaffnet – vor ein paar Jahren wurde sogar ein Passagierflugzeug von dort aus mit einer Mittelstreckenrakete beschossen. Die Favelas sind militärisch so massiv aufgerüstet, dass die Polizei von Rio nicht den Hauch einer Chance hätte, wenn die Viertel nicht untereinander so zerstritten wären. Bei einem Bürgerkrieg sähe die Polizei schlecht aus. Die Favelas gleichen Festungen. Wir haben die Szene, in der der kleine Junge den Ball findet, den Tiago weggeschossen hat, vor einer Favela gedreht, die man im Hintergrund am Hang sieht. Innerhalb von Minuten hatten fünf oder sechs Scharfschützen mit großkalibrigen Gewehren von den Dächern auf uns angelegt. Sie reagieren einfach allergisch, weil sie nicht wollen, dass ihre Favelas gefilmt werden. Es könnte sich ja um Polizei oder Militär handeln. Bei uns ist nichts passiert, wir wurden nur beobachtet, und dann sind sie wieder abgezogen. Aber die Gefahr spürt man unentwegt. Auch als Tourist an der Copacabana kann man überfallen werden. Aber da werden einem nur die Wertgegenstände weggenommen. In den Favelas selbst ist es gesetzlos, da geht es ums Überleben.

... DIE MACHT DER FAVELAS

Wir haben fast zwei Monate dort gedreht und uns mit vielen Menschen angefreundet. Wir haben festgestellt, dass sie sehr stark auf ihre jeweils eigenen Favelas reduziert sind und kaum den Weg nach draußen suchen. Gleichzeitig ist die Macht der größeren Favelas so groß, wurde uns erzählt, dass sie durchaus in der Lage sind, die Copacabana oder Ipanema stillzulegen. Da wird auch entsprechend Druck ausgeübt. Ein befreundeter Fotograf, der sein Atelier in der Nähe einer der Favelas hat, muss beispielsweise Schutzgeld bezahlen. Das ist ganz normal, darüber regt sich niemand auf. Die eigentlichen Probleme werden erst noch auf das Land zukommen und in dem Maße größer werden, in dem die Favelas wachsen. Und das tun sie in rasender Geschwindigkeit. Wir haben versucht herauszufinden, wie viele Einwohner Rio de Janeiro nun tatsächlich hat. Das konnte uns niemand verbindlich sagen. Man geht von zehn Millionen Einwohnern in Rio selbst aus, und noch einmal acht Millionen mehr, wenn man die Favelas dazurechnet. Dort sieht man nicht selten 14-jährige Mädchen, die bereits drei Kinder haben. Es werden rasend mehr, und die Favelas wachsen entsprechend. Daher rühren auch die territorialen Kriege: Hier wird um jeden Quadratmeter gekämpft. Eine Eskalation ist nur eine Frage der Zeit.

... AIDS UND ARMUT

Aids ist ein großes Problem. Ein befreundeter Arzt in München erzählte mir, dass man von einer Aids-Rate von 100 Prozent unter den Prostituierten ausgeht. Armut ist ein großes Problem. Wir wollten es selbst nicht glauben, aber bei einem unserer nächtlichen Stranddrehs in einem felsigeren Gebiet haben wir tatsächlich Höhlenkinder gesehen. Nachts um Drei kamen Siebenjährige aus einer der Höhlen, nur in Decken eingehüllt, die uns um Essen und Regenmäntel angepumpt haben und dann wieder in der Höhle verschwanden. An einem anderen Abend befanden wir uns auf dem Weg zu einem Restaurant, als uns drei Sechs- oder Siebenjährige etwa 30 Meter vor uns auffielen. Wir rechneten damit, dass die sich in eine der Gassen schlagen würden. Stattdessen bückte sich einer von ihnen, zog einen Gullideckel weg. Alle drei verschwanden in der Kanalisation und zogen den Deckel wieder zu. Da sind Kinder, die leben wie Kanalratten. Das sind die Momente, die man niemals wieder vergisst. Insofern gibt es viel Elend, das wir in unserem Film aussparen. Zum Glück gibt es kein Geruchskino. In manchen Favelas mussten wir uns verdammt zusammenreißen, dass sich die komplette Crew nicht unentwegt übergab. Der Gestank war immens. Kanalisation im eigentlichen Sinne ist dort ein Fremdwort. Jedes Haus leitet seinen Abfluss über Rohre in ausgehobene Sickergruben, die irgendwo zusammenfließen und dann ins Meer geleitet werden. Natürlich haben wir uns um Authentizität bemüht, im Rahmen des für den Zuschauer Zumutbaren. Hätten wir das ganze Elend abgebildet, vor allem in der Stadt selbst, dann wäre ein ganz anderer Film herausgekommen. Man muss verstehen, dass es den Menschen in den Favelas selbst gar nicht so schlecht geht. Es herrscht ein starker Zusammenhalt, die Menschen versorgen sich selbst. Man hält sich zwei oder drei Hausschweine. Einmal im Monat wird ein Schwein geschlachtet, was Anlass für eine große Party in der ganzen Nachbarschaft ist. Das sind stolze Menschen, die eine für sie funktionierende Infrastruktur geschaffen haben und sich autark versorgen. Viel übler ist, was sich in den Armenvierteln in Rio selbst abspielt. Da findet man gerade einmal drei oder vier Straßen von der Copacabana entfernt jene Obdachlosen, die mit Fliegen übersäht sind. Aber wir wollten keinen Film über Armut und Elend machen. Uns interessierte explizit das Biotop Favela. In dieser Form gibt es dieses Phänomen ausschließlich in Rio de Janeiro, hier sind sie auch entstanden. Es gibt keine wörtliche Übersetzung für das Wort. Gemeint sind damit aber kleine Bäume, was eine Entsprechung für jene autarken Camps ist, die militante Gruppen um die Wende zum 20. Jahrhundert, als das Militär korrupt war und sich viele Revoluzzer im Land befanden, in den Hügeln über Rio de Janeiro gegründet haben. Aus ihnen sind die Favelas entstanden.

... ÜBER DEN WOLKEN

Wenn man aus der Luft auf die Favelas schaut, dann sehen sie aus wie Bienenwaben. Wir hatten einen Militärpiloten, der uns mit dem Hubschrauber für unsere Aufnahmen aus der Luft geflogen hat. Als wir ihn fragten, ob er nicht auch niedriger als 300 Meter fliegen könnte, hat er sich strikt geweigert. Er hatte Angst, wir könnten abgeschossen werden, wenn entdeckt werden würde, dass wir ihre Favela aus einem Helikopter heraus filmen. Sie gehen davon aus, dass es sich um Polizei mit Suchkameras handelt.

... PORTUGIESISCH

Der Dreh auf Portugiesisch stellte uns vor keine größeren Probleme: Ich spreche sehr gut Italienisch, und damit fiel es mir nicht schwer, die Sprache zumindest in groben Zügen zu verstehen. Zumindest fiel es mir leichter als unserem Kameramann, der fließend Spanisch spricht. Vor allem aber konnten wir uns auf unsere Regieassistentin verlassen, die als Brasilianerin perfekt Englisch beherrscht. Und wir hatten eine Dialogassistentin, die ebenfalls eine große Hilfe war. Mit diesen Beiden hat das gut funktioniert. Mir hat das großen Spaß gemacht, weil ich mich voll und ganz auf die Regie und die Inszenierung konzentrieren konnte. Die Sprache selbst ist so ausdrucksvoll, dass man immer gespürt hat, ob ein Dialog richtig rüber kam oder nicht.

... DIGITALE KAMERAS

Wir wollten beim Dreh sehr beweglich sein. Deshalb haben wir digital mit einem PS-Adapter und einem High-Speed-Objektiv gedreht, um rasch reagieren zu können. Wir haben viele Schärfenzüge und mussten entsprechend variabel mit der Tiefenschärfe arbeiten können. Das Licht ist in Brasilien natürlich traumhaft. Deshalb war das eine gute Wahl. Und wir mussten keine Rücksicht auf das Material nehmen, was bei den Drehbedingungen ein unbedingter Vorteil war. Vor Ort haben wir mit einem sehr guten Koproduzenten gearbeitet, der ein hochprofessionelles Team auf die Beine stellte. Ich war angenehm überrascht. Das hat sehr gut funktioniert. An Knowhow fehlt es nicht in Brasilien. Dass dem brasilianischen Film die internationale Anerkennung mit Ausnahme weniger Beispiele versagt bleibt, hängt damit zusammen, dass sich die namhaften Filmemacher fast ausschließlich mit der innenpolitischen Lage des Landes beschäftigen und damit auf Unverständnis und mangelndes Interesse im Ausland stoßen.

... GEGENWIND

Uns wurde vorgehalten, dass wir als Ausländer nicht das nötige Wissen über das Sujet besäßen, um dem Thema gerecht zu werden. Das sehe ich anders. Gerade der Blick von Außen nach Innen ist sehr spannend. Wir waren absolut unvoreingenommen und offen für alles, was es zu sehen und erleben gab. Tatsächlich war es so, dass wir gerne noch mehr gezeigt hätten, aber bisweilen auf den Widerstand der Brasilianer stießen. Ich hätte liebend gerne in Zona Norte einen der legendären Macumba-Magier bei seinen Ritualen gefilmt. Aber die Gegend gilt als sehr militant und gefährlich. Nicht selten wird von Häuserdächern auf vorbeifahrende Autos auf der Autobahn geschossen. Es ist nicht unbedingt ratsam, sich dorthin zu verirren. Wir hätten das dennoch gerne im Film gehabt, wie Tiago von seinem Favela-Boss zu dem Zauberer geschickt wird – selbst die ganz großen Stars des brasilianischen Fußballs werden dort vorstellig und lassen sich segnen. Aber da haben sich alle Brasilianer in unserer Crew und die Schauspieler strikt geweigert. Allein die Idee, dort zu drehen, ließ sie weiß im Gesicht werden. Die Angst vor der schwarzen Magie war zu groß. Wir haben das dann auf eigene Faust gemacht, aber ich war nicht glücklich mit den Aufnahmen und habe sie rausgelassen.

... WIDERSPRÜCHLICHE FIGUREN

Ich hatte nie die Absicht, die Figur des Gangbosses Tubaro als klassischen Bösewicht anzulegen. Vielmehr ist er ein Opfer der eigenen Umstände. Er kann sich als Leitwolf einfach keine Schwächen erlauben. Beim geringsten Anzeichen von Schwäche ist der zweite Leitwolf sofort da, um seine Position einzunehmen. Die extreme Macho-Art, die man in den Favelas entdeckt, hat viel mit Gehabe zu tun, um sich unnahbar und cool und über den Dingen stehend zu geben. Ich wollte die Brüche in seinem Wesen dennoch zeigen: Er liebt seine Schwester abgöttisch und will ihr ein besseres Leben außerhalb der Favela und seiner Gewalt ermöglichen. Im Fall von Tiago ist das ähnlich: Sicher, Tubaro verfolgt auch seine Geschäftsinteressen, aber er möchte den Jungen auch von Ärger fernhalten, weil er sein Können absolut respektiert. Eigentlich in allen Figuren entdeckt man etwas Widersprüchliches. Nehmen Sie zum Beispiel den kleinen Jungen Cocada. Er fuchtelt mit Waffen herum und reißt große Sprüche und macht einen auf großen Gangboss. Als er aber Tiago zum Essen einlädt, stellen wir fest, dass er nicht einmal mit Gabel und Messer umgehen kann. Besser lässt sich diese Figur auch gar nicht beschreiben. Das ist auch nicht aus der Luft gegriffen: Solche Jungs findet man in allen Favelas Zuhauf, mit ihrem Bauchpack voller Geld und Drogen. Sie sind willkommene Opfer größerer Jungs. Immer wieder hört man von diesen Kindern, die erschossen werden und denen dann das Geld abgenommen wird.

... DIE ANARCHIE DES BAILE FUNK

Das ist typischer Rio-Sound. Wir haben diese Musik in den Favelas miterlebt, eine archaische Angelegenheit. Man kann sich das eigentlich gar nicht vorstellen: eine Halle mit 2000 Besuchern, alle zugedröhnt, an den Eingängen bewaffnete Wachen mit Maschinenpistolen. Da herrscht eine etwas andere Partystimmung als bei uns. Auf der Bühne sind Trommeln aufgebaut, dazu läuft ein selber gemischter Sound vom Kassettendeck. Aus dem Publikum kommen dann spontan Leute auf die Bühne und singen zur Musik Standup-Raps. Es geht um politische und persönliche Probleme, um Gewalt und Drogen. Das ist extrem sozialkritisch. Die Musik dieser Partys ist die Musik, die wir zu 80 Prozent auch bei uns im Film verwendet haben. Wir waren sehr froh, dass wir durch unseren Aufenthalt die entsprechenden Gruppen und DJs kennen gelernt haben. Mittlerweile hat der Baile Funk den Untergrund aber auch bereits verlassen. In England gibt es bereits Baile-Funk-Partys, und man findet auch ein paar Compilations mit der Musik. Ich finde, dass man sich ihr nur schwer entziehen kann. Sie war unser Soundtrack während der zwei Monate des Drehs. Deshalb findet man sie auch im Film wieder.