Ich bin im Käfig, aber fühle mich frei
Mein Spitzname ist schwarzer Diamant. Ich lebe seit 1996 in
Deutschland. Ohne Aufenthaltserlaubnis. Sehnsucht nach
Brasilien? Nein! Nur nach meiner Mutter. Als ich sie vor zwei Jahren
umarmt habe, wusste ich, dass dies das letzte Mal war. Sie ist vor
Traurigkeit gestorben. Sie hat einfach meinen Vater nicht mehr
ertragen. Mein Vater hat es im Leben zu nichts gebracht. Nur schreien
und schlagen, das kann er. Noch nicht einmal unsere Hütte hat er
regendicht gebaut. Wir haben dort mit zwölf Personen gehaust, sieben
Kinder, drei Neffen und die Eltern. Wenn es regnete, konnte ich nicht
schlafen, es war alles überschwemmt.
Mit Anfang 20 kam ich zum ersten Mal nach Europa. Ich hatte mich in
einen Italiener verliebt, den ich in meiner Heimatstadt Salvador am
Strand kennen gelernt hatte. Ich arbeitete dort als Kellnerin an einem
Kiosk. Doch die Sache ging schief. Er war wahnsinnig eifersüchtig und
schloss mich zu Hause ein. Nach drei Monaten kehrte ich deshalb wieder
nach Salvador zurück. Da lernte ich dann Karl-Heinz und seine Tochter
Melanie aus Mönchengladbach kennen. Sie kamen nach Salvador, weil sie
ein brasilianisches Restaurant aufmachen wollten und fragten, ob ich
Interesse hätte, für sie in Deutschland zu arbeiten.
Um es gleich vorwegzunehmen: Ich mag die Deutschen. Viele Menschen
hier haben mir enormes Vertrauen entgegengebracht. Ich habe zum
Beispiel sieben Jahre in einer Doppelpraxis geputzt, das Geld lag
immer pünktlich auf dem Tisch, und ich hatte den Praxisschlüssel,
obwohl ich die Ärzte nie gesehen habe! Nur zweimal habe ich eine
Absage bekommen, weil die Arbeitgeber sich vor Nachfragen des
Ausländeramtes fürchteten. Ansonsten hatte ich keine Probleme. Der
einzige Nachteil ist, dass ich mich nicht krankenversichern kann!
Als ich nach Deutschland kam, war ich 27 Jahre alt. Ich blieb noch
nicht einmal einen Monat bei der Familie in Mönchengladbach. Ich weiß
nicht, ob es Neid oder pure Böswilligkeit war, auf jeden Fall war eine
angeblich mit Karl-Heinz befreundete Brasilianerin daran schuld. Sie
sollte eigentlich übersetzen, doch sie machte genau das Gegenteil. Sie
erzählte Karl-Heinz einfach, dass ich in Wirklichkeit als
Prostituierte arbeitete. Mir sagte sie, die Familie hätte mich
hierhergebracht, um anschaffen zu gehen. Daraufhin gab Karl-Heinz
meinen Namen an eine Heiratsagentur und quartierte mich in einem
Kolpinghaus ein. Mehrere reiche Männer schienen sich für mich zu
interessieren. Ein 60-Jähriger begriff meine verzweifelte Lage und
brachte mich bei einem Freund in Rolandseck unter. Dieser bezahlte
zwei Monate lang einen Deutschkurs beim Goethe-Institut für mich. Dort
habe ich dann eine andere Südamerikanerin kennen gelernt, die für mich
eine Putzstelle arrangiert hat. Im Nu hatte ich drei Stellen, und das
Geld reichte, um mir mit einer Peruanerin ein Zimmer zu teilen.
Richtig Angst vor der Polizei hatte ich dreimal. Einmal wurde ich
nachts angefahren. Ich war gerade zwei Jahre in Bonn. Das Auto war bei
Rot über die Ampel gefahren. Ich wurde auf die Straßenbahnschienen
geschleudert und erlitt zahlreiche Prellungen. Vom Boden aus sah ich,
wie sich die Blaulichter näherten. Ein Bus, der auf mich zufuhr, war
meine Rettung. Ich stieg mit zerrissenen Kleidern ein, und weg war
ich! Ich bin dann zur Uniklinik auf dem Venusberg gefahren, wo ich
sehr gut behandelt wurde und dafür in bar bezahlte. Als ich in den
nächsten Wochen mit einer Halskrause durch Bonn lief, packte mich die
Sehnsucht nach meiner Familie, und ich überwies alle meine Ersparnisse
nach Brasilien. Damals lebte meine Mutter noch. Seit ihrem Tod schicke
ich kein Geld mehr an meine Familie in Salvador.
Kurze Zeit darauf wurde ich sehr krank. Ich litt unter Blutarmut, mein
Körper produzierte viele weiße, aber kaum rote Blutkörperchen. Ich
fühlte mich schwach, aber kein Arzt erkannte die Ursache. Bis
schließlich ein Spezialist aus Poppelsdorf Tuberkulose
diagnostizierte. Die Krankheit war nicht ausgebrochen, deswegen hatte
sie auch nicht auf die Lunge übergegriffen! Natürlich musste er alles
dem Gesundheitsamt melden. Die Mitarbeiter dort waren unglaublich
verständnisvoll: Statt mich ans Ausländeramt zu denunzieren,
beauftragten sie einen Spezialisten, sich um mich zu kümmern. Dieser
allerdings sagte mir ganz unverblümt, dass ich seiner Meinung nach
abgeschoben gehörte. Im Nachhinein denke ich, dass dies Glück im
Unglück war. Denn weil die Krankheit hier entdeckt wurde, konnte ich
sie wenigstens behandeln.
Meine Kirchengemeinde Centrum Lebendiges Wort (CLW) hat mir immer
geholfen. Sie wollten mich als Leiterin der südamerikanischen Sektion
anstellen, denn ich habe in Bonn ja eine dreijährige Ausbildung als
Diakonin absolviert. Jemand aus der Gemeinde hat für mich bezahlt.
Doch leider hat der Anwalt, der für mich eine Aufenthaltsgenehmigung
beim Ausländeramt beantragen sollte, einen Fehler gemacht. In seinem
Brief schrieb er, dass ich mich illegal in Deutschland aufhielte.
Folglich wurde der Antrag abgelehnt. Sie setzten mir eine
Ausreisefrist bis zum 1. September. Am 28. August habe ich mein Zimmer
aufgegeben und bin zu einer Freundin gezogen.
Ich war immer sehr gläubig. Ich habe mich auch immer frei in
Deutschland gefühlt, obwohl ich wie in einem Käfig lebte. Nach der
Frist vom Ausländeramt flehten mich meine Freunde an: Such dir endlich
einen Mann zum Heiraten! Ich wollte das nie. Ich wollte nur eine
Chance. Ich möchte einen Computerfahrschein an der Euroschule machen.
Das ist mein Traum.




