Gringos können nicht tanzen
(Von Sandra Cantzler, gms / erschienen in Spiegel-Online)
Beim Tanzen können die Einwohner von Rio de Janeiros Elendsvierteln ihr Leid vergessen. Mit Hilfe der heißen Samba-Rhythmen versetzen sich die Menschen der Favelas in eine andere Welt - fernab der harten Realität. Die hüftsteifen Urlauber können da nicht mithalten.
Die Füße berühren kaum noch den Boden. Immer schneller bewegen sich die Tänzer, wirbeln einander entgegen, angetrieben von Dutzenden von Trommlern, der so genannten Bateria. Die Zuschauer haben sich in einem Ring um die Tänzer formiert, lassen sich vom fordernden, wilden Rhythmus mitziehen. Es ist Freitagnacht gegen zwei Uhr, und in der Samba-Schule von Mangueira, einer der Favelas von Rio de Janeiro, vereinen sich die Besucher plötzlich zu einer einzigen wogenden Masse. Es ist noch kein Karneval, aber die Samba ist in der Millionenmetropole allgegenwärtig - so wie der Zuckerhut, der Strand und die Armenviertel an den steilen Flanken der Felsberge.
Ende August beginnt die heiße Phase der Proben in den wichtigsten Sambaschulen Rios, die bei der großen Parade im eigens angelegten Sambodromo im Zentrum der Stadt jedes Jahr um den Sieg tanzen. Zumindest für Außenstehende gleicht die "Ensaio" mehr einer großen Party denn einer strengen Übungsveranstaltung.
Über Stunden wird das für die jeweilige Karnevalssaison ausgewählte Lied von den schweißüberströmten Mitgliedern der Bateria und der kleinen Band gespielt. Die monotone Musik betäubt die Ohren und jagt Schauer über den Rücken - und versetzt, begleitet von jeder Menge Bier und Caipirinha, schnell in eine Art Trance, die Tänzer und Musiker jegliche Erschöpfung und den oft von Not und Gewalt geprägten Alltag in den Favelas vergessen lassen.
Organisierte Ausflüge in die Armenviertel
Die Armenviertel sind selbst für die Urlauber nicht zu übersehen, die ihre Zeit weitgehend in den schicken Hotels, Bars und Geschäften von Copacabana, Leblon und vor allem Ipanema verbringen - dort, wo die Oberschicht der knapp sechs Millionen Cariocas, wie sich die Bewohner Rios selber nennen, lebt. Ob auf der Fahrt vom Flughafen oder zu den größten Sehenswürdigkeiten der Stadt: Fast an jeder der zahlreichen Anhöhen der Stadt sind die winzigen Häuser der illegal errichteten Siedlungen wie Schuhschachteln übereinander gestapelt. Für Touristen sind diese Viertel eigentlich tabu. Zumindest auf eigene Faust sollten sie auf keinen Fall erkundet werden. Zu groß ist die Gefahr, Opfer von Raubüberfällen zu werden oder zufällig in eine Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Banden zu geraten.
Einige Tourveranstalter haben sich mittlerweile jedoch die Neugier vieler Besucher zu Nutzen gemacht und bieten organisierte Touren in die Favelas an. Was für manchen zunächst nach voyeuristischem Elendstourismus aussieht, wird vor allem von den in vielen Favelas existierenden Sozialprojekten durchaus begrüßt. "Es ist gut, wenn die Leute hierher kommen und sehen, was wir machen", sagt Anna Lucia, die im Sozialzentrum von Mangueira arbeitet.
Eine wichtige Aufgabe im Sozialgefüge der Favelas haben die Samba-Schulen. Im Probengebäude herrscht auch außerhalb der heißen Karnevalsphase reger Betrieb. In verschiedenen Gruppen arbeiten Frauen aus dem Viertel an den knappen, farbenprächtigen Kostümen für die wichtigsten Tage des Jahres.
Beim Tanzen versagen die Gringos
Gegen einen Eintritt von wenigen Euros können sich Urlauber bei den Proben einen Vorgeschmack auf den Karneval holen. Termine und Orte sind in Tageszeitungen und beim Fremdenverkehrsbüro Riotur zu finden. Aus Sicherheitsgründen sollten Touristen zu den Proben jedoch nur in Gruppen oder zumindest in einheimischer Begleitung gehen.
Einmal in der Halle angekommen, verschwimmen schon bald die Grenzen zwischen Arm und Reich, zählen nur noch Musik und Rhythmus. Die Cariocas scheinen die Samba von Geburt an zu beherrschen. In den Ensaios versuchen sie unter lautem Johlen und Klatschen auch hüftsteifen "Gringos" die richtigen Schritte beizubringen - vermutlich sehr zu ihrem eigenen Vergnügen. Denn fast alle Touristen-Versuche, bei dem schnellen Rhythmus des Karnevalssambas mitzuhalten, schlagen mehr oder weniger peinlich fehl.
Etwas leichter haben es ungeübte Ausländer in den vielen Samba-Clubs der Stadt, in denen oft Live-Bands die etwas langsamere, klassische Samba spielen - so zum Beispiel im "Rio Scenarium" in der Innenstadt Rios. Tagsüber ein Antiquitätengeschäft, wird das drei Stockwerke hohe Gebäude abends zu einem "Kulturpalast". Bis zu 1000 Menschen tanzen hier an den Wochenenden zwischen alten Möbeln oder beobachten von den Balkonen aus das Treiben auf der Straße.
Selbst beim Ausgehen in den besseren Vierteln gilt jedoch, sich zur eigenen Sicherheit von einem Taxi direkt vor dem Club absetzen und auch wieder abholen zu lassen und bis auf das benötigte Bargeld besser keine Wertsachen mitzunehmen. Wer sich an solche Regeln hält, hat nach Ansicht der Cariocas nicht all zuviel zu befürchten.
"Kriminalität gibt es woanders auch", sagt der aus Deutschland stammende Unternehmer Hans Stern, der von Rio aus ein weltweites Schmuckimperium aufbaute. "Für mich ist Rio die schönste Stadt der Welt - trotz aller negativer Aspekte", erzählt der 81-Jährige. Angetan haben es ihm besonders die Strände, die Frauen und die Natur, wie etwa der Tijuca Nationalpark, ein tropischer Urwald mitten in der Stadt. Einzig dem berühmtesten Wahrzeichen der Stadt, dem Zuckerhut, kann er wenig abgewinnen: "Zu voll, zu windig oder zu sonnig."
Strand von Rio de Janeiro: 90 Kilometer langes Freilufttheater
Sterns bevorzugter Platz am Meer ist der Strand von Ipanema - eine Vorliebe, die er mit vielen Cariocas und Touristen teilt. Wie die benachbarte Copacabana zählt Ipanema noch immer zu den berühmtesten Stränden der Welt, nicht zuletzt dank Antonio Carlos Jobims berühmten Song "Garota d'Ipanema". Die Bar, von der aus Jobim Tag für Tag das "Mädchen von Ipanema" sah, trägt inzwischen den gleichen Namen wie das Lied und ist ein Wallfahrtsort für Musikfans.
Promi-Kick am Strand
"Der Strand ist in Rio etwas sehr Demokratisches", sagt Fremdenführerin Paula. Hier werden keine Unterschiede gemacht zwischen Schwarz und Weiß oder zwischen den Bewohnern der luxuriösen Apartmenttürme direkt am Meer und den Menschen aus den Favelas. Die insgesamt 90 Kilometer langen Strände sind Erholungsort für alle und gleichzeitig ein großes Freilufttheater - etwa dann, wenn am Nachmittag der Kickernachwuchs in den vielen Fußballschulen an der Copacabana loslegt.
In mit Plastikbändern markierten Feldern üben hier schon Fünf- und Sechsjährige ehrgeizig für eine Karriere als Fußballstar. Nicht weit davon entfernt sind häufig jene zu sehen, für die dieser Traum Wirklichkeit geworden ist: Am Wachposten bei Kilometer Fünf treffen sich regelmäßig berühmte Fußballspieler zu einem kleinen Match.
Während die Zuschauer noch die virtuosen Kunststücke der kleinen und großen Kicker beklatschen, ertönen etwas entfernt schon wieder Sambaklänge. Ein bunt geschmückter Lastwagen rollt langsam die Küstenstraße Avenida Atlantica entlang, beladen mit Lautsprechern und einigen Tänzerinnen. Und ob man will oder nicht, beginnen plötzlich die Füße zu wippen.



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