In Worte fassen, möchte ich nun unsere Erlebnisse in der
Favela Papagaio in
Belo Horizonte in
Brasilien. Genauer gesagt in den Kindertagesstätten des GAC, die wir bisher nur finanziell unterstützt haben.
Gleich nach dem Frühstück sind wir also mit vier Koffern beladen zu fünft, Matthias und Tochter und ich mit meinen Beiden, vor die Favela gefahren. Dort hatten wir einen recht kurzen Weg zur ersten Gruppe mit unseren schweren Koffern. Hier sind die 6-14-jährigen Kinder untergebracht. Da wir schon am Vortag angekündigt wurden, war der Empfang nicht ganz so stürmisch, denn uns kannte ja bisher noch niemand persönlich. Außer Matthias, der ist hier in der ganzen Favela natürlich bekannt wie ein bunter Hund, denn er ist ein gern gesehener Gast, weil er so viel für die Kinder der Tagesstätten organisiert hat.
Nach erster Ortsbegehung ging es nun ans gerechte Verteilen der Kleidungsstücke, was sich als ziemlich schwierig für mich herausstellte. Shirley, die Leiterin der Gruppe, teilte die Kinder in zwei Gruppen und so saßen erstmal nur die Mädchen im kleinen Fernsehraum. Die Kinder wurden darüber informiert, was sie nun erwartet und sollten dann einzeln zu mir kommen, damit ich ihnen etwas geben kann. Die Sachen hatten wir schon ein bisschen nach Größen vorsortiert und so war es dann etwas leichter anzupassen.
Die Kinder nahmen ein Kleidungsstück von mir entgegen… und was ich jetzt versuche zu beschreiben, hat mich den ganzen Tag verfolgt und gibt mir immer noch genug Anlass zum Heulen…
Braune Augen sahen mich erwartungsvoll fast schon ängstlich an, was sie nun erwarten. Nachdem sie ein Kleidungsstück in den Händen hielten, kam auch noch Unsicherheit dazu oder eher Ungläubigkeit. Die Augen wollten fragen: „Ist das für mich? Darf ich das wirklich behalten?“ Ich kann das nicht erklären, aber diese Hoffnung und diese Dankbarkeit für ein Kleidungsstück, was hier in Deutschland aussortiert wird, kann man nur wirklich verstehen, wenn man schon einmal in solche Augen geblickt hat. Passte das Kleidungsstück, dann gingen die kleinen Racker zufrieden und ein bisschen stolz davon. So lange bis jedes Kind ein passendes Stück hatte.
Das Gleiche bei den Jungen, nur das da eindeutig lieber Sommerjacken, Sweatshirts und Fleecepullover genommen wurden, denn es war kalt an diesem Tag in Belo Horizonte. Wir hatten nur 18° C und haben selbst in unseren Jacken gefroren, wie mussten die leicht bekleideten Kinder erst frieren…
Jetzt gab es noch ein paar Tanzvorführungen der bereits einstudierten Tänze und anschließend ein erstes Fußballspiel und nebenbei Seilspringen bei den Mädchen...
So langsam waren wir durch und schon gab es Mittagessen bei den Großen, denn gleich war Schichtwechsel. Die Vormittagskinder mussten in die Schule und Nachmittagskinder sollten bald kommen. Also machten wir uns schnell auf den Weg zu den Kleinen. Wieder bepackt mit den schon geplünderten Koffern, gingen wir in Begleitung von Shirley durch die engen, steilen Gassen der Favela zu der Gruppe der 2-6-jährigen Kinder. Dort saß dann eine kleine Gruppe im Hof und erwartete uns schon. In vierer Gruppen sollten sie zu uns kommen und die Kleidungsstücke angepasst bekommen. Das stellte sich als noch schwieriger heraus, als in der großen Gruppe, denn nicht für jedes Kind war etwas dabei, was auch passte. Und diese Augen schauten dann ganz furchtbar traurig, wenn sie nichts bekommen hatten. Das tat meinem Mutterherz sehr weh und ich konnte nicht helfen und nicht trösten. Es tat mir einfach nur leid, dass ich nicht allen Kindern etwas geben konnte.
Nun gab es auch hier für diese Gruppe Mittagessen. Bohnen mit Reis, Farofa und „Gras“ (=Grama) dazu ein bisschen Fleisch, weil ja Besuch da war. Wir waren herzlich eingeladen mitzuessen, worüber wir uns sehr gefreut hatten, denn mittlerweile waren wir hungrig. Es war sehr schön an den kleinen Tischen zu sitzen und mit den Kindern gemeinsam zu essen. Einige waren schon fertig und andere brauchten etwas länger, die konnten uns alle dabei beobachten, wie die Gringos aßen. Lustig war es allemal. Etwas abseits saß ein kleiner Junge mit einer Erzieherin ganz allein und wurde beim Essen beaufsichtig und gefüttert. Der Junge weinte fürchterlich und wollte nicht essen, vielmehr er konnte nicht essen, denn er ist erst kurze Zeit in der Gruppe und hat seine ersten vier Lebensjahre nur Milch aus Flasche und Brust bekommen, also noch nie richtiges Essen kauen müssen. Er hat sich sehr gequält beim Essen und mir tat das sehr weh, wie der Junge litt. Dann war ich für mich sehr wütend, weil die Eltern sich nie darum gekümmert haben, dass der Junge etwas Essen muss. Ich kann hier meine Gedanken nicht zum Ausdruck bringen, aber manch einer kann sich hier seinen Teil selbst denken.
Zum Nachtisch gab es auch hier in dieser Gruppe ein großes Gummibärchen aus der großen Dose, die die Gringos mitgebracht haben. Ach war das ein Genuss – allein das Zusehen, wie genüsslich die Kleinen an den Tieren zerrten und lutschten.
Das Spielzeug aus den Koffern war für das Spielzimmer gedacht und wurde vorerst unter Verschluss gehalten, damit es wohl keinen Streit gibt. Mittlerweile ist es in Kisten sortiert eingeräumt und wird bespielt.
Nach dem Mittag machten wir mit Cida, der Leiterin der Kleinen Gruppe, Shirley und Claudia einen Spaziergang durch die Favela runter an den angrenzenden See. Dieser See ist eine Grenze zwischen den Reichen und der Favela… dazu haben wir auch Geschichten gehört, die hier jetzt aber nicht hinpassen. Dort mussten wir ein Weilchen verweilen und dann ging’s mit dem Mini-Bus durch für uns neue andere Straßen und Gassen der Favela zurück zur Gruppe der Großen, wo die zweite Gruppe beschenkt werden sollte. Auch hier das gleiche Bild der großen erwartungsvollen, ängstlichen braunen Augen und auch der gleiche fragende Blick, ob die Kinder das Geschenkte wirklich behalten durften. Auch jetzt behielten viele Kinder ihre Sachen gleich ganz stolz an.
Nun gab es eine Percussionvorführung mit Samba-Tanzeinlagen der Mädchen, wozu auch ich aufgefordert wurde mitzutanzen. Allerdings habe ich mich nicht getraut, muss ich zugeben, denn mein Rumgestümper ist megapeinlich gewesen, wenn man sieht, dass die neunjährigen Mädchen perfekte Hüftschwünge hinlegen. Danach noch ein schönes Fußballturnier im Hof. Matthias in einer Mannschaft und mein Mann in der anderen. Wichtig zu erwähnen, dass Matthias mit seiner Mannschaft mit 11:8 gewonnen hatte. Wir Frauen saßen auf der Tribüne und haben ordentlich Krach gemacht und viel erzählt.
Wahrscheinlich habe ich einen Teil vergessen zu berichten, weil mir die Gesichter der Kinder immer wieder vor Augen waren und ich noch nicht alles erfassen kann, aber ich weiß jetzt genau wofür ich andere Mütter um gebrauchte Kleidung anbettele und eben ganz besonders um Jacken und Pullover.