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Neues aus Sepetiba: Teil 3 – Fitnessstudio Fitnessstudio ist ein doofes Wort im Deutschen, weil es mit 3 „s“ geschrieben wird. Im Portugiesischen ist das viel schöner und klingt sogar etwas gebildet: „Academia“! Gut, über den Bildungsgrad seiner Benutzer weiß man nicht allzu viel. Jedoch hinterlässt der Anblick übermäßig großer Muskeln immer din
  1. #19
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Teil 3 – Fitnessstudio

    Fitnessstudio ist ein doofes Wort im Deutschen, weil es mit 3 „s“ geschrieben wird. Im Portugiesischen ist das viel schöner und klingt sogar etwas gebildet: „Academia“!

    Gut, über den Bildungsgrad seiner Benutzer weiß man nicht allzu viel. Jedoch hinterlässt der Anblick übermäßig großer Muskeln immer din Beigeschmack eines etwas dümmlichen Images. Zumindest kann man aber in Brasilien anhand der Hautfarbe, Kleidung und auch Haarfarbe der Bodypumper erkennen zu welcher Einkommensgruppe diese gehören. In meinem Falle war das gestern sehr leicht. Obwohl ich den ständigen Eindruck habe, dass das Mittel der Rio-Bevölkerung dunkler als z.B. in Belo Horizonte ist, war es in der Academia genau anders herum – und das, obwohl ich Supergringos Tipps getrotzt habe (Tschuldigung SG ... ich weiss es war gut gemeint von dir). Ich habe mir keine der von ihm empfohlenen Super-Academias ausgesucht und das aus 2 einfachen Gründen:

    Die Academia muss in meinem Fall zwischen Arbeitsort und Wohnort liegen, so dass ich gezwungen bin auf dem Rückweg von der Arbeit dort einzukehren. Einmal zu Hause bekäme ich meinen Arsch nicht mehr vom Sofa hoch und der Trainingseffekt wäre im Eimer. Zweitens brauche ich keine Edelgeräte zum Training, da ich seit Geburt nur mit primitiven, teilweise selber gebauten, Hantelstangen und –bänken trainiere und die Bewegungsabläufe möglichst natürlich sein sollen und nicht von einer Maschine vorgegeben (natürlich ohne sich dabei zu verrenken).

    Ich machte also gestern auf dem Rückweg an einer der beiden Academias, die ich am Straßenrand bemerkt hatte, halt. Übrigens am Rande einer Favela ... aber was ist in Rio schon nicht am Rande einer Favela? Nach der recht unkomplizierten Anmeldeprozedur (ich brauchte nicht mal den „Einstellungstest“ bei einem Pseudo-Doc zu machen) und bargeldloser Bezahlung durfte ich schon anfangen zu trainieren. Vielleicht lag es daran, dass ich ein recht vorteilhaftes Muscle-Shirt anhatte und somit mein etwas übertrainierter Schulterbereich recht gut zur Wirkung kam - vielleicht war es aber auch nur mein Dialekt oder meine grünen Augen.

    Der Monatsbeitrag betrug 158 R$. Ich fand das sehr teuer (in BH bezahle ich 90 R$), aber da die Lage günstig war und mein Aufenthalt sowieso zeitlich begrenzt ist, zauderte ich nicht lange. Der hohe Beitrag spiegelte sich deutlich im Publikum der Academia wieder. Von den 8 anwesenden Damen waren 6 blond. Ich meine mit blond richtig blond, also nicht blondiert oder „oxigeniert“. Die andern Beiden waren zwar dunkelhaarig, aber die eine war weißhäutig und die andere nur leicht angebräunt. Also alles andere als Rio-Durchschnitt. Trotzdem natürlich nicht hässlich, weil sie durch das offenbar recht intensive Fitnesstraining recht straffe Körperkonturen hatten. Besonders der Bauch einiger Damen ließ Neid in mir aufkommen. Ab 40 hat man da echt Probleme den einmal angefressenen Speck wieder wegzukriegen. Aber mit 40 wird man natürlich auch geduldiger als man noch als 20-jähriger Spund ist.

    Was mir außerdem auffiel, war eine ausgesprochen delikate Sockenmode bei den Damen. Wirklich alle Damen hatten Hotpants bis zu den Knien an und trugen weiße Socken mit Strickmuster, die bis zu halber Kniehöhe gingen. Solche Tennissocken hat mir meine Frau vor ein paar Jahren verboten anzuziehen ... (wahrscheinlich waren sie auch zu alt und ausgeleiert).

    Natürlich lief auf insgesamt 3 Fernsehern das „Jornal Nacional“ und anschließend die Novela „Caminho das Indias“ auf Rede Globo. Selbst die Kerle glotzen. Ekelhaft ...

    Tut mir Leid, dass ich von den Kerlen nicht mehr berichten kann. Ich hatte da irgendwie kein Auge dafür. Besonders angetan hingegen hatte es mir die „Bauchwegtrainerin“. In Portugiesisch klingt das wiederum auch viel schöner „Professora de Abdominal“! Noch besser ist, wie man Abdominal ausspricht:

    ABI-DOMI-NAUUUU

    Sie machte ihren Schülern alle Übungen vor. Man konnte bei der Flachheit ihres Abidominaus kaum wegschauen, zumal der Rest des Körpers weniger flach war. Ich wagte es mir aber trotzdem nicht, eine Übungsstunde bei ihr zu abonnieren. Dazu habe ich noch zu wenig Abidominau und zuviel Speck oben drüber. Wenn der mal weg ist, gehe ich zu ihr (was sicher nie passieren wird, außerdem bräuchte ich dann nicht mehr zu ihr zu gehen ...).

    Ein paar nette Blicke habe ich auch geerntet. Beide Blondinen schauten glücklicherweise nicht in Richtung meines Abidominaus, sondern in meine Augen. Wenigstens da habe ich für Brasilianerinnen noch etwas zu bieten, denn sie mögen grüne oder blaue Augen ...

    Fazit: Es war eigentlich ein fast ganz normaler Fitnessstudio-Aufenthalt. Nur eine Klimaanlage war ich nicht gewohnt. Das scheint es auch nur in Rio zu geben. Ist aber auch verständlich bei den hiesigen Sommertemperaturen.

    Meinen GOL hatte ich übrigens ein paar Meter weiter geparkt, so zwischen Academia und Favela-Eingang. Das Autoradio habe ich vorsichtshalber ins Handschuhfach gelegt (welch blödes Versteck), wo es nach meiner Rückkehr auch noch lag. Die Diebe sind also auch nicht mehr, was sie mal waren. Armes Rio!

    Fortsetzung? Mal sehen ...
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  2. #20
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Hallo Lemi,
    hast Du das gestrandete deutsche Schiff Antares denn heute auch gesehen in der Baia Sepetiba? Und wie war es am Freitag im Castelo?


    Navio alemão encalha na Baía de Sepetiba - O Globo

    Gruss


  3. #21
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Zitat Zitat von swisschris
    Und wie war es am Freitag im Castelo?
    Das interessiert mich natürlich ebenso brennend. Es gibt eigentlich nur zwei Erklärungen für sein langes Schweigen. Entweder ist ihm VOR dem Besuch des Castelos oder DANACH etwas "dazwischen" gekommen ...

  4. #22
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Teil 4: „Road to hell“


    Der 2. und 3. Academia-Besuch liefen ähnlich wie der erste ab. Keine nennenswerten Highligts.

    Doch dann, beim 4. Mal, lag sie vor mir ... Die „Dame in Weiß“. Doch sie war alles andere als weiß. Schokoladenbraun und perfekt geformt. Sie hatte weiße mit grau abgesetzte Hotpants an und ein knappes, ebenfalls weißes, Oberteil (rückenfrei). Als sie sich beim Po-Training auf allen Vieren abstütze und immer wieder das um ihren Knöchel gewickelte Gewichtband hinten nach oben wuchtete, kam ihr Hohlkreuz und ihre guttrainierten Lenden zur Geltung. Es war eine Augenweide. Sie hatte einfach keine Stelle, die nicht perfekt war. In Lemis Jagdzeiten wäre sie unwillkürlich in seine Netze gegangen. Heutzutage reicht ihm ein verführerischer Blick aus ihren kastanienbraunen Rehaugen,den er mit ein paar netten Komplimenten erwidert. Weiter wäre es sowieso nicht gekommen, da sich ihr Namorado, einer der Fitnesstrainer, dazwischen schob. Erstaunlicherweise war der auch schon an die 40 und auch nicht viel „stabiler“ gebaut als Lemi. Und als Fitnesslehrer verdient er bestimmt auch nicht mehr als ein deutscher Baustellenrülps ... hehehehehe.

    Apropos Baustelle. Ja, das ist immer noch der Ort, wo ich die meiste Zeit verbringe. Rio habe ich bisher kein einziges Mal bei Tageslicht gesehen. Das ist etwas deprimierend, weil man ja nach getaner Arbeit auch mal mit irgendetwas belohnt werden will. Soweit bin ich leider noch nicht. Naja ... heute Abend zumindest haben mich meine Ex-Kollegen, die die 2 Hochöfchen nebenan bauen, zum Kneipenabend eingeladen, um das Rückspiel des Halbfinales der südamerikanischen Champions League gemeinsam bei ein paar Bierchen anzuschauen. Cruzeiro muss natürlich weiterkommen, was nach dem 3:1-Sieg aus dem Hinspiel gegen Gremio eine nicht so unlösbare Aufgabe sein sollte.

    Einziger Lichtblick (im wahrsten Sinne des Wortes) ist die tägliche Fahrt mit dem Kombi zur Mittagspause. Anfangs wurde mir von Niemanden kommuniziert, dass es einen Kombi „nach draußen“ gab. Meine deutschen Kollegen bevorzugten es offenbar sich vorm Laptop ein selber geschmiertes Brot reinzuschieben. Eine Woche lang habe ich es auch so gemacht und bin jeden Abend fast halb verhungert zu Hause angekommen. Erst als ich mal beim alltäglichen Weibertratsch im Frühstücksraum dabei war, habe ich von dem Kombi erfahren und habe mich natürlich gleich selber eingeladen. Santa Cruz sieht bei Tageslicht wirklich anders aus. Einfach normaler. Es ist eine gewöhnliche brasilianische Kleinstadt. Nach meinem Urlaub werde ich mir ganz sicher eine Bude dort suchen. Die Kutscherei bis Rio geht mir tierisch auf den Sack. Jeden Tag 2 Stunden über üble Strassen und dichten Verkehr muss nicht wirklich sein. Auch wenn mich meine deutschen Kollegen dann für verrückt halten werden (ich tue es übrigens auch, allerdings nicht mich).

    Zurück zur Kombifahrt. Unser VW Kombifahrer heisst Marcelo. Er ist ein typischer Carioca. Er quatscht die ganze Autofahrt, dreht sich laufend nach hinten beim Quatschen, hupt am laufenden Band und überholt an den unmöglichsten Stellen. Dass er jede rote Ampel ohne ein Wimpernzucken überfährt, brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Falls es an einer Fußgängerampel trotzdem ein Fußgänger wagt einen Fuß auf die Fahrbahn zu stellen, wird gehupt und die Fahrt geht weiter. Mein schwedischer Kollege, der den Kombi auch schon für sich entdeckt hat, meinte kurz nach einem Fast-Frontalaufprall mit einem LKW etwas erschrocken: „always on the road to hell“ ...

    Unsere Brassis verstanden ihn natürlich nicht, aber alle wussten, dass es ein (passender) Kommentar zu Marcelos Fahrmanövern war. Und alle lachten natürlich, inklusive Marcelo.

    Der Kombi ist übrigens ein mit Technologie vollgestopftes Fahrmobil. Beim Einlegen des Rückwärtsgangs fängt er an zu Piepen. Am besten ist aber der Piepton, der ab einer bestimmten Geschwindigkeit anfängt zu ertönen. Er nimmt dann mit zunehmender Geschwindigkeit zu und geht ab 80 km/h zu einem Dauerton über. Sicherlich soll das so eine Art Warnung an den Motorista sein, dass er die Geschwindigkeit drosseln soll. Marcelo hat diese Logik aber offenbar noch nicht durchschaut.

    Er versucht, wo es auch geht, so schnell wie möglich den Dauerton zu erreichen. Dies schafft er auf jeder Geraden – egal ob innerhalb oder außerhalb der Stadtgrenzen. Selbst auf den kurzen Abschnitten zwischen 2 Quebra Molas in der Stadt (Abstand ca. 200 m) schafft er es zumindest dem Kombi ein langsames Piepsen zu entlocken. Er freut sich dann immer und schaut nach hinten (wahrscheinlich wartet er auf den Beifall seiner Fahrtgäste). Kurz vor der Quebra Mola wird dann scharf abgebremst, um beim Überqueren der Quebra Mola nicht mit den Köpfen an der Decke des Kombis anzuknallen. Ich bemerkte heute mal so nebenbei, dass wir keine Gurte angeschnallt haben. Wieder lächelte Marcelo und gab Gas ...

    Fortsetzung folgt ...

    @ SC: Bericht aus dem Castelo kommt noch. Schiff hab ich keins gesehen. Wir sind zu weit von der Küste weg ...
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  5. #23
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Teil 5 - Baile Funk


    Es war Samstagabend. Der Himmel war wolkenverhangen und es regnete mal wieder in Rio. Nach einem halben Tag auf der Baustelle, Academia und einem Nachmittagsausflug in Richtung Guaratiba, vorbei an Prainha und Grumari haute ich mich noch 2 Stunden aufs Ohr. Die Nacht würde lang genug werden und ich wollte präpariert sein erst im Morgenlicht nach Recreio zurückzukommen. Wenn man früh bereits früh um 5 vom Wecker aus dem Schlaf gerissen wird, kein so leichter Akt.

    Ich wachte so gegen 9 Uhr auf und haute mir erst mal ein paar Schinkenbrote und eine Büxe Red Bull rein, um ohne irgendwelche Defizite (hehehehehe) auf dem Baile zu erscheinen. Der Minibus zur Favela „Rio das Pedras“ fuhr tatsächlich nur 200m vom Hotel entfernt ab. Als ich einstieg, war es ca. 22:00 Uhr. Ich wusste, dass es viel zu früh war, aber ich wollte mir natürlich vorher das „Gelände“ etwas genauer anschauen und vielleicht auch schon ein bisschen „vortanken“. Ich fragte den Busfahrer, an welcher Station das „Castelo“ wäre und er erwiderte, dass es Endstation wäre und ich ruhig noch eine Stunde pennen könnte. Wenn der wüsste ... ich hatte alles andere als Pennen im Kopf. Ich war total gespannt und neugierig, was heute Nacht auf mich zukommen würde. Lemis erster Baile Funk in Rio!

    Ich ließ die sterilen Kastenbauten, Autohäuser aus Glas und Shopping-Center von Barra da Tijuca an mir vorbeiziehen. Interessant wurde es erst als der Bus von der Avenida Ayrton Senna nach rechts abbog. Dort stand so verheißungsvolle Schilder wie „Cid. Deus“, "Freguesia" und auch mein Endziel „Rio das Pedras“. An einem ziemlich muffig anmutendem Night Club vorbei gings erst durch verwinkelte Strassen und dann über eine wieder recht gut ausgebaute Strasse zur Favela „Rio das Pedras“.

    Was mich am Favela-Eingang verwunderte, war das riesige 3-sprachige Begrüßungsschild „Willkommen in Rio das Pedras!“ Erwartete man hier etwa Gringos? War es der Einfluss des angeblich „Melhor Casa de Festa da Cidade“ (Bester Tanzschuppen der Stadt)? Fragen über Fragen, die sich im Laufe der Nacht klären sollten ...

    Bei der Durchquerung der Favela fiel mir nichts besonderes auf. Es waren die üblichen hässlichen unverputzten Bauten, die undurchsichtige Elektroverkabelung und jede Menge Müll auf den Strassen. Um ehrlich zu sein ... mehr Müll als ich aus den Favelas B.H.´s gewöhnt war. Dementsprechend stank es auch ziemlich penetrant.

    Endlich kamen wir an der Endstation an. Der Bus war eine knappe Stunde unterwegs und wir befanden uns immer noch auf derselben Seite Rios!

    Ein paar Meter entfernt von der Bushaltestelle war auch schon das „Castelo das Pedras“ zu sehen. Ich sicherte mir als erstes meine Eintrittskarte für 10 R$ und nahm mir vor anschließend noch ein bisschen durchs Viertel zu schlendern. Der Hinweis an der Kasse, dass Damen bis Mitternacht freier Eintritt gewährt wird, ließ den Rückschluss zu, dass sich kurz vor Mitternacht der Saal beginnen wird zu füllen. So war es dann auch, aber vorher ging ich noch etwas spazieren ...

    Das Nachtleben in der Favela erinnerte mich stark an die Rua Principal auf dem ‚Morro do Papagaio“ in BH. Viele kleine Bars mit gelben oder roten Plastikstühlen der Biermarken „Skol“ und „Brahma“. Es wird Fernsehen geglotzt, getrunken, über Fußball gequatscht und gelacht. Das Publikum ist favela-typisch, also überwiegend schwarz und mit weniger Zähnen ausgestattet als normal.

    Es gab zahlreiche quer über den Praça und die Anrainerstrassen verteilte Karaoke-Bars. In einer, wo gerade Funk gespielt wurde (was sonst?), ließ ich mich nieder und bestellte ein Bier. So richtige Stimmung kam bei dem Titel „Cachorras“ auf ... die sich angesprochen gefühlten Cachorras erhoben sich von ihren Plastikstühlen und ließen ihre runden Hinterteile im Kreise drehen. Der sexuelle Hintergrund der Musik wurde somit selbst dem Schwerverständlichen einleuchtend klar gemacht. Man brauchte auch keine großen Fantasien mehr dazu zu entwickeln. Es war klar. Die Damen streckten ihren Allerwertesten heraus, um von hinten „beglückt“ zu werden. Ein versautes Lächeln dazu, tipo vadia safada, ließ die anwesenden Männer relaxt grinsen!

    Mittlerweile war es Mitternacht und ich schlenderte so langsam die Strasse runter in Richtung Castelo. Ein Blick in die Seitengassen verriet mir, wo die richtige Favela losgeht. Es wurde dort sehr eng und selbst der Teufel mit der Peitsche hätte mich dort um diese Uhrzeit nicht hereingekriegt. Ich war schließlich allein und hatte keinerlei Begleitung, die mir als Eintrittskarte ins unbekannte Reich diente. Vielleicht sollte sich das ja am gleichen Abend noch ändern!?

    Als ich meinen Kollegen am Vortag von meinem Vorhaben erzählte, kam keine Reaktion. Lediglich der Schwede meinte: „Be careful und you know ... never walk allone!“. Ich bot ihm an, dass er doch mitkommen könnte, aber ihm war das alles zu spät. Er hatte noch mit dem Jetlag zu kämpfen ...

    Fortsetzung folgt
    Geändert von Lemi (13. October 2009 um 19:03 Uhr)
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  6. #24
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    Standard AW: Neues aus Sepetiba

    Fortsetzung Baile Funk

    Als ich kurz nach Mitternacht den Baile betrat, dröhnte mir bereits die Funk-Musik entgegen. Sicherlich unüblich auf einem „traditionellen“ Baile Funk, musste ich mich am Einlass einer Ganzkörperkontrolle unterziehen. Es war also sichergestellt, dass keiner der Gäste Waffen o.ä. bei sich hatte. Der Publikumsdurchschnitt war anders als ich erwartet hatte. Ich rechnete vielleicht nicht mit 100% schwarzem Publikum, zumindest aber mit sehr, sehr dunklem ... Es war aber eher ein Gemisch. Einigen Damen sah man an, dass sie aus gutsituiertem Hause kamen. Auch unter den Kerlen waren viele „Favela-Fremdlinge“. Das ließ sich eindeutig daran festmachen, dass sie sich selber in Pose mit ihren Digitalkameras ablichten ließen. Das kam mir jetzt schon ziemlich touristisch vor und war nicht unbedingt dass, was ich wollte oder womit ich gerechnet hatte. Irgendwann später (ich hatte natürlich keine Uhr dabei), begann sich der Saal richtig zu füllen. An der (fehlenden) Kleidung ließ sich eindeutig identifizieren, dass es sich um Einheimische handelte. Die Jungs kamen meist mit freiem Oberkörper und die Mädels mit gewagten, sauknappen Mini-Miniröcken. Meine Laune besserte sich wieder etwas. Das Augenkontaktspiel begann sehr schnell und ich musste mir schnell selber klarmachen, dass ich die harte Linie des Zuschauers bis zum Schluss durchziehen musste. Im Prinzip kein Problem, da jeglicher Sprachkontakt (der ja bekanntlich nach dem Augenkontakt käme), völlig unmöglich war. Der Lärm, der aus der weißen Boxenwand schallenden Funkmusik war so extrem, dass ich darüber nachdachte den Begriff Lautstärke neu zu definieren. Selbst beim Bestellen der Biermarken durch das kleine Loch an der Kasse musste ich laut schreien, damit mein Gegenüber mich verstand.

    Womit ich nicht rechnete war, dass der unmögliche Sprachkontakt durch Körperkontakt ersetzt werden würde. Ein kurzes Anrempeln mit dem Popo beim Tanzen und ein eindeutiges Hinterherschiessen eines Blicks waren alles andere als zweideutig. Ich dachte jetzt wieder an meine „Eintrittskarte“ und versuchte mich gedanklich ein wenig zu „öffnen“. Bei der ersten Dame, die nach meinem Geschmack ein eindeutig zu enges Kleid für ihren ziemlich fetten Körper trug, gab ich meinem Bier den Vorzug. Doch alleine war es irgendwie langweilig und ich entschloss mich, mich noch etwas mehr zu öffnen .... Ich versuchte den Tanzschritten zu folgen, was eigentlich nicht besonders schwer ist. Klar, den beiden Vortänzern konnte ich nicht folgen, aber das konnten sicherlich die wenigsten im Saal hier. Die Anzahl der Körperkontakte erhöhte sich nun potenziell. Wahrscheinlich auch mehrheitlich ungewollt, aber was solls. Es war ein gutes Gefühl und die Musik war eigentlich auch recht gut. Ich hatte gedacht, dass an dem Abend ein Live-Act kommen würde oder dass zumindest ein paar Tänzerinnen auf der Bühne stünden. Die Bühne hatte ihren Namen sowieso nicht so richtig verdient. Es war eine Art Baugerüst, natürlich ohne Sicherheitsgeländer. Es blieb aber die ganze Nacht leer. Eigentlich schade.

    Was mir beim Eintritt in die Tanzarena schon aufgefallen war, bemerkte ich jetzt beim Tanzen wieder: Der Geruch nach billiger Seife! Er vermischte sich zwar etwas mit den Parfümgerüchen der Damen aus der Mittelklasse, war aber unverkennbar.

    Ich kann mich noch genau an meine erste Nacht mit einer Brasilianerin erinnern, die genau diesen für mich unvergesslichen Geruch auf der Haut hatte. Später dann, als ich mal eine halbwegs feste Freundin hatte, schenkte ich ihr mal ein Parfüm, was sie dann auch ständig bei unseren Treffen benutzte. Sie roch plötzlich nicht mehr nach Billigseife, sondern nach diesem scheiss Parfüm. Ich hasste es aber wie die Pest, denn ich mochte diesen billigen Seifengeruch. Wenn wir dann aufeinander lagen und ich dieses Parfüm riechen musste, wünschte ich mir ihre Seife zurück. Irgendwann sagte ich ihr, dass ich das Parfüm scheisse fand. Da ich es selber geschenkt hatte, war es keine Beleidigung für sie. Sie benutzte es einfach nicht mehr und meine Geruchswelt war wieder heil.

    Rein geruchstechnisch war ich auf dem Baile also in meiner heilen Welt. Die Damen an sich fand ich nicht so besonders erregend. Ich schätze mal ganz grob, dass weniger als 10 wirklich gutaussehende Damen auf dem Baile waren. Auf jeden Fall aber weniger als an einem gewöhnlichen Freitagabend im Albanos oder Jever in BH. Ein Treueschwur fiel mir also nicht schwer, doch was war mit der „Eintrittskarte“? ... ich wollte doch nicht auf Supergringos Connections aus der tiefsten Grauzone angewiesen sein. Nein, „No deals with dealers“. Auch nicht, um in eine Favela hereinzukommen. Dann lieber doch Zuschauer bleiben. Lemi hat gelernt auch verzichten zu können.

    Zurück zum Baile.

    Der Seifenduft vermischte sich so langsam mit dem Biergestank der auf dem Fußboden landenden nicht vollständig geleerten Dosen. Der Anblick des Ladens nahm immer mehr Favela-Niveau an. Es gab aber auch keinen einzigen Müllbehälter in dem Laden, so dass alle leeren Büxen zwangsläufig auf dem Boden landen mussten. Ich selber trank bereits mein 4. Bier, nachdem ich „draußen“ schon 2 Flaschen hintergekippt hatte. Ich sollte also darüber nachdenken, ein weiteres Red Bull ins nächste Bier zu mischen oder den Abflug zu machen. Ich wusste noch nicht mal, wie ich zurückkommen würde und ob die Busse und Minivans überhaupt nachts noch unterwegs sind.

    Ich hatte eigentlich genug gesehen und entschloss mich aufgrund der zunehmenden Monotonie den Baile zu verlassen und mich draußen noch ein wenig umzuschauen. Es war erstaunlich wie bedenkenlos man durch die auch 3 Uhr morgens noch überfüllten Strassen und Bars spazieren konnte. Ich fühlte mich absolut sicher. Eigentlich fühlte ich bisher immer in meinem Leben in Favelas total sicher. Warum sollte das diesmal also anders sein? Ach ja ... Rio ist anders ... und gefährlicher ... auch das muss Lemi noch lernen.

    Ich verzichtete also auf den beflügelnden Drink und setzte mich auf ein weiteres Bier in eine Bar unmittelbar gegenüber vom Castelo. Die Musik hört man dort übrigens genauso gut, sie ist aber nicht so laut, dass man sich nicht unterhalten könnte. Und prompt kam auch eine Unterhaltung zustande. Das war recht einfach. Als ich mein Bier beim Barkeeper bestellte, bemerkten die 3 Damen am Nachbartisch meinen Gringo-Dialekt. Als ich wieder an meinem Tisch saß (man musste sich das Bier tatsächlich selber an der Theke holen), kam sofort die Frage: “Hej Gringinho, tâ perdido na favela?“ ... Ich antwortete trocken: „Não, tudo planejado ...“ und so kamen wir schnell ins Gespräch. Ich erzählte etwas von meiner Herkunft, meiner 2. Heimat in BH und natürlich auch zu meinen Favela-„Connections“ und dem damit verbundenem Kinderhilfsprojekt. Die Mädels staunten nicht schlecht und ich begann den Faden weiter zu spinnen ... nach alt bewährter Taktik verkündete ich mein Interesse an Hilfsprojekten in den Favelas Rio´s (zwecks Erfahrungsaustausch, versteht sich). Die Mädels hatten keine Ahnung von irgendwelchen Hilfsprojekten, meinten aber, dass sie mich nächstes Wochenende auf die Feijoada-Party in der Sambaschule der Favela „Mangueira“ mitnehmen könnten, falls ich Lust hätte. Und natürlich hatte ich Lust!

    Der Abend war gerettet. Eigentlich mehr als gerettet, denn ich hatte ein paar nette Erlebnisse, obwohl ich mir den Baile Funk aufregender vorgestellt hatte (mein Gott, ich hätte sogar meine Digicam mitnehmen können, so harmlos war das Ganze ...) und ich hatte ein neues Programm fürs kommende Wochenende, was viel wichtiger war. Eine weitere Connection zur Favela „Cantagalo“, die oberhalb der Copacabana liegt, versuche ich gerade parallel dazu aufzubauen. Gewisse Kontakte haben sich gestern zufällig bei einem Ausflug in meine alte Heimat Leme ergeben. Doch davon später mehr. Noch war ich in „Rio das Pedras“.

    Ich verabschiedete mich irgendwann nach Abflachen der Gesprächsinhalte und spürbarer Müdigkeit von meinen neuen „Bekannten“ und schlenderte in Richtung Bushaltestelle. Natürlich kam kein Bus mit dem Schild „Recreio“. Stattdessen hielten laufend Busse nach Barra, Taquara und Freguesia. Irgendwann gab ich auf zu warten und setzte mich in einen der Kombis in Richtung Barra. Als mich der Kassierer fragte, wo ich hinwill, sagte ich Recreio. Prompt meinte er, dass ich im falschen Bus sitze. Ich erklärte ihm, dass er mich irgendwo in Barra, wo Busse in Richtung Recreio vorbeifahren, rausschmeißen soll, was er auch tat. Die Schiebetür ging auf und er wies auf den Kombi, der direkt hinter uns stand. Ohne nachzudenken, wechselte ich den Kombi und war nun auf dem Weg nach Santa Cruz, wie ich nachträglich erfuhr. Ich befand mich wieder auf bekannten Terrain und fuhr die gähnend leere „Avenida das Americas“ stadtauswärts herunter. Der Kombifahrer muss ein Verwandter von Marcelo gewesen sein. Er schaffte es zwischen den Ampeln den eigentlich schlecht motorisierten VW Kombi auf 120km/h hochzudreschen und dann an jeder Radarstation mit einer Vollbremsung auf 80 km/h zu drosseln, um brav am Blitzer vorbeizuschleichen. Da der Kombi gerammelt voll war und ich nur einen Platz auf einem Plastikstuhl bekam, kippte der natürlich bei jedem Brems-/Beschleunigungsvorgang um (scheiss Schwerkraft). Ich hatte als nicht nur die Nebeneffekte des übermäßigen Bierkonsums auszugleichen ...

    Ich wusste ungefähr, wo ich aussteigen musste. Ich gab ein kurzes Zeichen und wieder flog die Schiebetür auf und ich landete auf der Strasse. Die Strasse war menschenleer. Ich merkte, dass ich noch ein ganzes Stück vom Hotel entfernt war, vor allem musste ich quer durch Favela-Terrain zur Estrada do Pontal gelangen. Ich schätzte grob ab, dass dies ein Fußmarsch von ca. 30-40 min. bedeuten würde. Ich lief einfach mit den zahlreichen Eindrücken des letzten Abends im Hinterkopf los. Ab und zu schoss ein Taxi oder ein Kombi an mir vorbei. Sonst nichts. Es war totenstill und ich spürte zum ersten Mal ein leises Summen in meinen Ohren. Eine Folge der Extrembeschallung auf dem Baile.

    Plötzlich wurde ich aus meinem Halbschlaf gerissen.

    Ich lief gerade über den Parkplatz am Supermarkt „Zona Sul“ als ein alter mit mehreren Männern besetzter Fiat Uno direkt auf mich zusteuerte. Ich war sofort hellwach und die folgenden Abläufe waren allesamt Reflexe. Als die Türen des Fiats aufgingen, hatte ich mich schon in einen leichten Laufschritt begeben. Ich hatte eine Vorahnung, dass die Typen etwas von mir wollten. Die Distanz war aus meiner Sicht noch groß genug, dass ich eine Flucht wagen konnte. Ich kannte die Favela-Gegend zwischen Avenidas das Americas und meinem Hotel mittlerweile durch meine allabendlichen Ausflüge, sei es zum Bier trinken oder zum Trainieren in der Academia, recht gut. Ich nahm also die Beine in die Hand und rannte, was meine Lunge hergab in Richtung Favela. Ich malte mir aus, dass ich in der deren zahlreichen Gassen nicht so leicht auffindbar bin und das eine Verfolgung mit dem Auto unmöglich wurde.

    Ich hatte kaum Gelegenheit mich umzudrehen, aber ich konnte keine Verfolger erkennen. Scheinbar hatten die Banditen schnell aufgegeben. Etwas außer Puste ging ich wieder in den Normalschritt über. Ich war jetzt auf einer der Hauptwege der Favela direkt an einem stinkenden Kanal. Die Strassen waren trotz fortgeschrittener Stunde noch belebt, aus den Bars klang Musik und ich fühlte mich plötzlich wieder sicher. Ich war wieder in einer Favela ...
    Geändert von Lemi (13. October 2009 um 19:06 Uhr)
    Tomi sagt Danke.
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