Es geht wieder los
Es war Anfang März. Der Karneval war seit genau drei Wochen vorbei und nach vier Monaten Rio-Abstinenz saß ich auf einer nur eintägigen Dienstreise als Beifahrer neben meinem Boss in einem angemieteten Fiat Idea. Wir rauschten über die Avenida Brasil vom internationalen Flughafen Rio de Janeiros in Richtung Santa Cruz, von wo aus es nur noch ein Katzensprung bis zu unserer Baustelle auf dem Gelände der Thyssen-Krupp war. Vorbei an Verkehrsschildern mit Namen wie Ramos, Madureira und Nilopolis glitt ich in Tagträume ab.
Schilder, die für die meisten nur unbekannte Namen sind, waren für Lemi mit unvergesslichen Erlebnissen verbunden. Vor mir öffnete sich wieder die ganze bunte Welt der Sambaschulen. Erst als mich eine der Baustellensekretärinnen fragte "Eh Lemi, wo warst du denn zum Karneval???" wurde mir bewusst, dass ich dieses Spektakel aufgrund einer "Baustellenfehlplanung" nur knapp verpasst hatte. Dabei hatte ich mir bis zwei Tage vor Karneval ein Kostüm bei meiner Lieblings-Sambaschule "Imperatriz" reserviert gehalten. Ich wäre als Indio Guarani in einem der ersten Flügel der Sambaschule mitgelaufen. Was heißt gelaufen!? Wahrscheinlich getanzt, gesprungen oder sonst was.
Als ich das Spektakel der Imperatriz im Fernsehen sah, kullerten ein paar Tränen. Ich wurde sentimental und sogar Sra. Lemi tröstete mich und bekam regelrechtes Mitleid. Bis dahin war ihr nicht klar, wie tief ihr Lemi im Samba-Sumpf steckte. Sie ahnte es vielleicht. Zumindest aber diente der Abend zur kompletten Aufklärung über die Geschehnisse zwischen Juni und Oktober 2009 in Rio. Und ich staunte über ihre Reaktion: "Nächstes Jahr werden wir zusammen am Desfile teilnehmen. Ich verspreche es dir!" Dies aus dem Munde einer Brasilianerin zu hören, scheint nichts Besonderes zu sein, aber wer Sra. Lemi kennt, weiß, dass sie es hasste zu tanzen. Somit war es ein eher unerwartetes Zugeständnis.
Nach vier Monaten Abstinenz von Rio brauchte ich nicht lange, um mich wieder wohl zu fühlen. Alles um mich herum schien für mich gemacht zu sein. Sogar der riesige Sinterofen war mir an diesem Tag sympathisch. Und er rief nach Lemi, denn er wollte endlich Eisenerz produzieren.
Diesmal war es nur ein Besuch, genauer gesagt ein Planungsmeeting. Lemi wurde wieder in die gleiche Position gesetzt, in der er schon die Kalt-Inbetriebnahme der Sinteranlage durchführte. Dies bedeute nicht nur ein paar Wochen harte Arbeit, sondern auch RIO!
Ja Rio, ich komme wieder. Voller Vorfreude auf das was noch kommen sollte, ging ich in Elizabeths Büro. Sie war nicht nur die Schwärzeste unter unseren Bürodamen, sondern mochte genau wie Lemi die „Feijoada da Mangueira“, den Ort, wo Lemi zum ersten Mal hautnah mit dem Samba in Berührung kam. Ich erzählte ihr, dass ich Ende März auf die Baustelle zurückkommen werde und im gleichen Atemzug berichtete ich ihr von meiner Besorgnis, dass in der Nachkarnevalszeit in Rio sicherlich „tote Hose“ angesagt sein würde.
Wahrscheinlich bin ich instinktiv in ihr Büro gegangen, da ich mir eine verneinende Antwort aus ihrem Mund erhoffte. Und genau so war es. „In Rio stehen die Uhren niemals still, Lemi ... du kannst mir vertrauen.“ Im gleichen Moment kam unser VW-Kombi-Fahrer Marcelo zur Tür hereingeschneit, so als hätte er unser Gespräch mitgehört: „Lemi, kennst du eigentlich schon die Beija Flor?“ Ich verneinte und begründete es damit, dass diese Sambaschule für mich ganz einfach zu weit ab vom Schuss lag. Ich gab nicht zu, dass ich insgeheim schon andere Favoriten hatte, denen ich bei meinen bisherigen Nachtausflügen durch Rio den Vorzug gab. Marcelo konnte es kaum glauben. Ich kannte SEINE Sambaschule nicht! Eine der besten und vor allem erfolgreichsten in den letzten Jahren! Ich musste ihm das Versprechen abgeben, dass ich die Beija Flor besuchen werde und versorgte mir im gleichem Atemzug meine Eintrittskarte: „Marcelo, wenn du mich mitnimmst, hast du dort ein Bier frei!“ Ich schaute zu Elizabeth herüber: „Und du? Bist du auch dabei?“ Beth, wie sie alle im Büro nennen, zeigte mir mit einem Lächeln ihre strahlend weißen Zähne und bejahte.
Grace, die mir bei meinem ersten Rio-Besuch alle Türen und Tore in die manchmal glitzernde, manchmal aber auch brutale Welt des Sambas, Funks und der Favelas öffnete, wird dann auf einer Italien-Tour mit ihrer Samba-Show-Gruppe sein. Was aus Grace während der letzten vier Monate geworden ist, wäre wohl allein ein Buch wert. Sicherlich wird der "Mythos Grace" auch wieder in dieses Buch einfließen. Aber vielleicht gibt’s ja auch eine neue Grace! Wer weiß?



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