Keine Ahnung, wo das Foto herstammt. Mein erster Gedanke war nur: "Weisser Mittelstreifen? In Brasilien sind die doch gelb, oder?" Aber er ist ja erst kurz vor Brasilien ...
In Sachen CPF oder auf gut deutsch "Steuernummer" bin ich gerade über eine Episode aus meinem neuen Buch gestolpert, die die Wichtigkeit einer solchen Nummer zeigt:
"Wir kamen am Werkstor an. Was ich sah, war eine gute Einstimmung auf das,
was während der Inbetriebnahme auf mich zukommen sollte. Ich sah acht
Arbeiter auf einer Minibaustelle im Eingangsbereich des Werkstors. Der Boden
war aufgewühlt, und ich hatte den Eindruck, dass man die Straße asphaltieren
wollte. Man musste jedoch reichlich Fantasie mitbringen, um festzustellen, dass es
sich wirklich um Arbeiter handelte. Zumindest hatten sie Arbeitsbekleidung an und
einen Helm auf dem Kopf. Doch das war es eigentlich schon. Vier der Typen
stützten sich auf ihre Schaufel, um nicht umzufallen. Drei andere Arbeiter waren
in ein sicherlich nicht besonders tiefsinniges Gespräch über das gestrige Fußballspiel
zwischen Flamengo und Vasco vertieft. Ihre Arbeit vergaßen sie dabei natürlich völlig,
was aber niemanden so richtig störte. Eine Aufsichtsperson war weit und breit nicht
in Sicht. Die achte und letzte Person hatte eine höhere Qualifikation. Er war der Fahrer
eines Bobcats. Er hatte es geschafft, unter der knallenden Sonne im sicherlich nicht
besonders gemütlichen Käfig seines Fahrzeugs mit offenem Mund einzuschlafen.
Momentan konnte ich noch darüber lachen.
Ich zuckte meinen Werksausweis und musste feststellen, dass er blockiert war.
Dies passierte normalerweise, wenn man gegen die Sicherheitsregeln des Werks
verstoßen hatte. Da ich seit zehn Monaten nicht mehr im Werk war, konnte ich
diese Möglichkeit prinzipiell ausschließen. Irgendetwas anderes musste passiert sein.
Ich kam nicht darum herum, mich an der Besucherrezeption zu präsentieren. Bis ich
an der Reihe war, verging eine geschlagene Stunde. Zwischenzeitlich drückte mir die
Blase, und ich erinnerte mich recht schwach, dass es gleich neben der Rezeption ein Klo gab.
Ich ließ mein Chef allein in der Warteschlange zurück und ging in Richtung Klo. Doch es war
verschlossen. Als ich nach einem anderen Klo suchte und schon in Erwägung zog, das Damenklo
zu benutzen, tippte mich ein uniformierter Wachposten an. Obwohl er nur die Leute am Werkstor
kontrollierte, hatte er einen Revolver beträchtlichen Kalibers und jede Menge Munition in seinem
Gürtel stecken. Ich bekam Respekt.
Unerwartet förmlich wurde ich von ihm darauf hingewiesen, dass ich, bevor ich den Toilettenschlüssel
von ihm ausgehändigt bekäme, ein Formular ausfüllen musste. Ein Formular für die Lizenz zum Pinkeln.
Ich dachte, ich höre nicht richtig. Als ich das Formular dann sah, wunderte ich mich. Außer meinem
Namen, Geburtsdatum, Firmenzugehörigkeit fragte man nach meiner Steuernummer. Man konnte
als nur mit Steuernummer hier pinkeln. Unglücklicherweise hatte ich meine Steuernummer aber nicht
bei mir. Die Liste zeigte mir, wer alles vor mir pinkeln war. Die Toilette hatte erstaunlich internationales
Publikum. Ich sah, dass die Steuernummern in der Liste alle zehn Stellen hatten. Ich beschloss kurzerhand,
eine zehnstellige Steuernummer zu erfinden und so meinem Blasendruck Erleichterung zu verschaffen.
Ich brauchte diesen verdammten Schlüssel. Ich dachte wieder an die Pistole des Wachpostens und
dass er mich, wenn er wirklich dienstbeflissen war, nach meiner Steuerkarte zum Gegencheck meiner
im Formular angegebenen Informationen fragen könnte. Sicherlich würde er nicht gleich schießen,
wenn er meinen Betrug feststellen würde, aber meine Besprechung in der Sinteranlage konnte ich
dann sicherlich abschreiben. Doch es kam anders. Nachdem er einen kurzen Blick auf das Formular
geworfen und zufrieden festgestellt hatte, dass alle freien Felder von mir ausgefüllt worden sind,
bekam ich anstandslos den Schlüssel in die Freiheit – die Freiheit pinkeln zu dürfen.
Als ich erleichtert in die Warteschlange an der Rezeption zurückkehrte, sah ich, dass mein
Chef schon an der Reihe war. Etwas respektlos schlängelte ich mich durch die neu gebildete
Warteschlange und hoffte darauf, dass man mich gemeinsam mit meinen Chef abfertigen würde.
Glücklicherweise klappte das reibungslos. Von der zierlichen, jungen Dame erfuhren wir, dass
nicht nur unser Werksausweis blockiert war, sondern unser Gesundheitszeugnis abgelaufen war.
Um ins Werk zu kommen, bräuchten wir ein neues. Dies hieß klipp und klar, wir mussten zum Arzt.
Unsere Besprechung, die auf 11 Uhr angesetzt war, hatte vor drei Minuten begonnen. Dies alles
wäre kein Problem, wenn wir jetzt ins Werk herein könnten. Doch wir mussten vorher noch zu einem Arzt!
Selbst im optimistischsten aller möglichen Fälle würden wir mindestens eine Stunde verlieren.
Wahrscheinlicher waren eher zwei oder drei. Eine andere Lösung musste her.
Ich rief Simone, unsere Baustellensekretärin, an und schilderte ihr unsere aussichtslose Notlage.
Zum Glück war sie nicht so aussichtslos, wie sie mir erschien.
Simone hatte eine blendende Idee. Sie lieh sich die Werksausweise zweier männlicher Kollegen und kam zum Werkstor gefahren.
Simone wies uns an, möglichst unauffällig zu agieren und uns in eine Ecke zu positionieren,
die vom Wachpersonal nicht eingesehen werden kann. Fünf Minuten später überreichte uns Simone
die schmuddeligen Werksausweise. Mit etwas Kribbeln im Bauch und dem großkalibrigen Revolver
des Wachmanns im Hinterkopf überquerten wir die Grenze ins Innere des Werksgeländes. Alles lief perfekt.
Ich kam mir vor, als wäre ich gerade von einem mexikanischen Menschenschmuggler über die Grenze
nach Arizona geschleppt worden."



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