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1988 - Saudade oder wie die Sucht begann: Hallo. Ich hatte die letzten Tage etwas Zeit und Lust zum Schreiben. Und wo sollte ich beginnen, wenn nicht dort, wo mein Leben eine Wende nahm... Brasilien in den 1980er Jahren. Falls es euch gefällt, kommt vielleicht die Fortsetzung, wenngleich das gut und gerne 50 Postings werden könnten Schönes Wochenende
  1. #1
    Neuer Benutzer
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    02.12.2011
    Beiträge
    7

    Standard 1988 - Saudade oder wie die Sucht begann

    Hallo.

    Ich hatte die letzten Tage etwas Zeit und Lust zum Schreiben. Und wo sollte ich beginnen, wenn nicht dort, wo mein Leben eine Wende nahm... Brasilien in den 1980er Jahren. Falls es euch gefällt, kommt vielleicht die Fortsetzung, wenngleich das gut und gerne 50 Postings werden könnten

    Schönes Wochenende und einen speziellen Gruß an die Jungs über 40 hier... die werden sich erinnern and die alten Zeiten in Recife.




    1988 - Saudade


    Ich denke eigentlich nicht, dass ich beziehungsgeschädigt bin. Ich habe nur auf die harte Tour lernen müssen, dass ich mich immer vom falschen Typ Frau angezogen fühlte. Die brachten zwar eine Menge Abwechslung und Leben mit sich, allerdings musste ich mit den Konsequenzen leben. Ich denke heute noch an meine Jugendliebe Andrea, die ich nach 3 Jahren abservierte und gegen einen Vamp eintauschte, attraktiv, provokant, sexuell ungemein frei, spontan, lebenslustig.

    Zurück ließ ich eine sensible, feinfühlige junge Frau, die meine Kapriolen mit Ruhe und Liebe auswetterte. Sie war mein Mädchen im ruhigen Hafen, sich selbst, ihren Prinzipien und zudem auch noch mir treu. Das war damals schon selten zu finden und als ich das heulende Häufchen Elend mit verlogenen Worten und Gesten in ihrer Dunkelkammer zurücklies, in der Dunkelkammer, in der sie mit mir ihre und unsere Fotos entwickelte und wo ich mich immer auf wundersame Weise vollkommen entspannt und ihr nahe fühlte und der ganze Mist in meinem Leben nicht mehr wichtig war, - ja, da habe ich irgendwie gespürt, dass ich dafür vom Leben noch die Quittung bekäme.

    Aber das war schon damals mein Problem: Neugier, Rastlosigkeit, Überdosen. Ich brauchte alles immer etwas mehr als andere: Ich soff und feierte mehr als meine Bekannten, kokste mir die Nase wund, als andere heirateten und Häuser bauten, machte Kneipen hier und in Brasilien auf, als alte Freunde ihre Kids zum Kindergarten brachten. Lange Nächte und stets der Typ Frau um mich, oder ich um sie, die auch so lebten. Wie heißt es so treffend: Gleich und Gleich gesellt sich gern.

    Als ich meine nächtliche Eroberung (also was man so mit 20 Dollar erobern kann) morgens mit zum Strand an der Avenida Boa Viagem nahm und meiner Mutter und meiner Schwester vorstellte, mit denen ich den ersten Brasilienurlaub, pauschal 3 Wochen, verbrachte, sagte meine Mutter:
    "Sie ist eine Nutte, das sehe ich auf den ersten Blick".

    Was sie nicht wusste: Das war genau das, was ich wollte. Ich machte damals nicht unbedingt legale Geschäfte, soff und nahm Drogen. Also was um Himmels Willen erwartete sie an meiner Seite anzutreffen?

    Ich verliebte mich in Land und Leute, in den Geruch, den Trubel und speziell in den Nachtfalter mit den großen braunen Augen, der mich am Abend zuvor gefragt hatte, ob ich von ihrem Käsesandwich einen Bissen abhaben wolle. Und so kam es dann nach 3 Wochen Brasilien, während des Rückfluges in einer Tristar der LTU, zu folgender Konversation:

    Mutter: "Also die Sonne war schön. Aber ich bin auch froh, dass es vorbei ist. Diese Armut dort, die bettelnden Kinder, die laute Musik... alles so dreckig, so habe ich mir Brasilien nicht vorgestellt."

    Ich: (unausgesprochen) Das ist genau mein Land, passt wunderbar zu mir... als wenn ich schon mal hier war. Hübsche Frauen, in eine sogar heftig verliebt, man kann mit Kleingeld prima überleben, Drogen preiswert, Caipirinha billiger als Mineralwasser, immer Sonne und lachende Menschen.

    Ich: (ausgesprochen): "Rosana wartet auf mich. Ich glaub´ ich liebe sie. Ich werde in 3 Monaten wieder hier sein und erst mal bleiben. Und in 3 Monaten spreche ich Portugiesisch, weil ich sie verstehen will."

    Mutter: "Du willst doch nicht etwa weger DER Frau zurück und alles in Deutschland aufgeben??? Die hat sich doch garantiert gleich nach deinem Abflug den Nächsten geangelt!"

    Ich: "Nee, garantiert NICHT. Die wartet auf mich. Da ist mehr als Du denkst."

    Ich: (unausgesprochen): Danke für den Hinweis. Ist mir schon klar, dass sie sich gleich den nächsten Gringo gegriffen hat... sie kennt mich ja NOCH nicht und wird mir nicht geglaubt haben, als ich versprach, in 3 Monaten wieder dort zu sein und dann mit ihr gemeinsam zu leben.

    Mutter: "Marco ( ernster Blick ), das meinst Du doch nicht etwa im Ernst, oder?"

    Ich: (ernster Blick zurück)

    Mutter: "Oh nein..."


    3 Monate später, am 16.5.1988, landete eine knallrote Tristar in Recife, Brasilien. Ich hatte einen Koffer, eine Reisetasche und 10.000 DM dabei.

    In den Monaten meiner Abwesenheit hatte ich Rosana alle 14 Tage 50 Dollar per Luftpost gesendet, was kumuliert auf 4 Wochen damals 2 brasilianischen Monatsgehältern entsprach. Das natürlich in der Hoffnung, sie würde ihre Familie unterstützen und auf die übliche Beschäftigung verzichten. Ich hatte ihr mein Ankunftsdatum geschrieben und war ziemlich aufgeregt. Meine Augen wanderten herum, irgendwo hier am Terminal würde ich sie gleich entdecken ... Umarmung, Küsse... eine lange warme Nacht wartete auf uns.

    Nach einer Stunde stand ich noch immer in der Halle, schwitzend, müde vom langen Flug. Hatte etlichen der mir zuzwinkernden Brasileiras (die ihre Gringos zu der Maschine geleitet hatten, mit der ich angekommen war) abgewunken und somit klar gemacht, dass ich entweder auf eine Frau wartete oder schwul wäre.

    Also, irgendetwas war hier schief gelaufen, mächtig schief. Aber ich hatte ja ihre Adresse und mein Portugiesisch war nach 3 Monaten Einzelunterricht bei Donna Clara in der Schulstraße ausreichend für erste Konversationsversuche. Ich rief einen der mit Geldbündeln winkenden Cruzeiro-Dollar Geldtauscher zu mir und wechselte genügend D-Mark in einen Vorrat an Cruzeiros um, winkte mir ein Taxi herbei und sagte: "Rua Sapiranga, Numero 200".

    Als der Chauffeur zur üblichen Stadtrundfahrt ansetzen wollte, sagte ich "Sou Alemao, mas nao sou Turista ...entao vamos direitamente pra la", was so viel bedeutete wie "Ich bin zwar Deutscher aber kein Tourist, also nimm´ den direkten Weg."
    Dank Clara sparte ich also schon mal einen Batzen Zeit und Geld, denn für brasilianische Taxifahrer waren Gringos ein Geschenk des Himmels und eine einfache Fahrt durch viele Umwege gleichbedeutend mit einem Tagesverdienst.

    Ich kannte den Weg zu dem kleinen Haus, das sie mit ihrer Schwester und deren Ehemann im Stadtteil Piedade bewohnte. Eine kleine Straße in Strandnähe, keine 200 Meter vom Meer entfernt. Es war eine einfache Gegend, einfache Häuser und alles hatte diesen leicht morbiden Charme der Auflösung, des Provisorischen. Rosana und ich waren mehrmals Nachts am Strand entlang in Richtung Piedade spaziert, hatten Steine in die Wellen geworfen oder an einer der vielen kleinen Jangadas pausiert, wie die Fischerboote -die auf den Strand gezogen auf den nächsten Morgen warteten- dort heißen. Schwülwarme Mondnächte unter tropischem Sternenhimmel.

    Erinnerungen, die erst 3 Monate alt waren. Ich zahlte den Taxifahrer aus, nahm mein Gepäck vom Rücksitz des rostigen VW Käfers und wünschte José ( ich sollte ihn später noch näher kennenlernen..) einen schönen Tag. Der gelbe Käfer mit dem wackelnden Taxischild auf dem runden Dach verschwand in der Staubfahne, die er auf der nicht geteerten Sandpiste hinterließ. Ich ging auf die halboffene Haustür zu und probierte mich im brasilianischen Klingeln, klatschte also mehrfach in die Hände und rief "Bom dia, alguem em casa?"

    Eine alte Frau öffnete die Tür und schaute mich verwundert an. Ich schaute ebenso überrascht, denn beim Blick in die Hütte, an der Alten vorbei, sah ich, dass hier ganz andere Möbel standen. Das grüne Sofa war einem Holztisch mit 2 schiefen Stühlen gewichen und irgendwer hatte das schöne Mango an den Wänden weiß getüncht, so dass es jetzt ein blasses Rosa ergab.

    "Ich würde gerne mit Rosana sprechen, Senhora", sagte ich und schaute wohl ziemlich fragend aus den Augen. "Die wohnt hier schon lange nicht mehr" hörte ich, "sie war 2x im Monat hier und hat ihre Post abgeholt aber jetzt war sie schon 3 oder 4 Wochen nicht hier".

    Na prima. Das deckte sich mit dem letzten Brief, dem mit weiteren 50 Dollar und dem Datum und der Uhrzeit meiner Ankunft. Mein Mund war trocken und ich hörte die Alte nur noch dumpf, als hätte ich Watte in den Ohren. Ich hörte sie zwar aber ich hörte nicht mehr zu. Ich sah ihren Hals, wettergegerbt, die tiefen Falten in ihrem Gesicht und dachte mir: Sie sieht aus wie eine Schildkröte und du wie ein Weißfisch. Ein dummer Weißfisch... Gringo.

    Sie muss Mitleid bekommen haben. Da stand nun ein Gringo mit 2 Koffern und hatte sich offensichtlich ziemlich übel mitspielen lassen. Also bot sie mir ein Glas Wasser an und nach wenigen Minuten hüpfte ein Haufen Kinder um mich herum, zupfte an meiner Kleidung, kaute deutsche Kaugummis, die ich aus meinem Koffer geholt hatte, Nachbarn aus den anderen Hütten kamen dazu und plauderten munter über meine Situation.

    Wohin Rosana verzogen war, konnte niemand sagen. Wohl aber wie dumm sie sei, einen Gringo, der extra wegen ihr von so weit herkäme, zu versetzen oder hätte sie etwa gar nur des Geldes wegen ... eine Schande eben. Mein Portugiesisch war nicht so gut, wie ich es mir gewünscht hätte. Es reichte allerdings aus, um zu verstehen, dass mittlerweile die halbe Straße auf der Suche nach einem Ersatz für meine abhanden gekommene Liebe war. Man konnte den Gringo ja nicht einfach so ziehen lassen.

    Also lud ich diese netten Menschen in die gegenüberliegende Strandbar ein. 3 Stunden, einige Hähnchenschenkel und Caipirinhas später, kam sie dann um die Ecke: Carmina, die Dorfschönheit und garantiert ein Hort der Tugendhaftigkeit, wie mir alle versicherten. Ob ich schon ein Hotel oder eine andere Unterkunft hätte, wurde ich gefragt. Nein, natürlich nicht. Meine Koffer standen verstaubt in einer Ecke der Bar, die Caipirinhas hatten mich gegen den Herzschmerz temporär immunisiert und Carmina war offiziell von den ca. 25 Bewohnern dieser netten kleinen Straße auserkoren worden, für mich und mit mir eine sichere Bleibe für die erste Nacht zu finden.

    "Voce vai procurar um Hotel comigo?" fragte ich Carmina. "Natürlich" antwortete sie, "wir werden gemeinsam ein Hotel suchen. Aber wir brauchen ein Taxi." Sie pfiff zwei Kinder heran, trug ihnen auf, ein Taxi aufzutreiben und schon spurteten die Kids lachend davon. Ich zahlte die Rechnung.

    15 Minuten später kam ein gelbes VW Taxi mit wackelndem Schild auf dem Dach in einer Staubfahne daher. José war wieder da und als er hörte, warum sich seit seinem Abschied der Haufen leere Flaschen, Gläser und Teller angesammelt hatte, sagte er lächelnd: "Was so anfängt, hätte ´eh keine Zukunft gehabt."

    Wir machten wir uns auf den Weg in Richtung Boa Viagem. José am Lenkrad, Koffer auf dem Beifahrersitz, Carmina und ich auf der Rückbank. Immer am Strand entlang, laute Sambaklänge alle paar hundert Meter, der Geruch von Meer und tropischen Pflanzen wehte uns durch die offenen Fenster ins Gesicht. Carminas schwarze Lockenpracht rahmte ihr hübsches Gesicht, die roten Lippen hörten nicht auf zu plappern, zeigten lachend die weißen Zähne und ich saß da, lächelte zurück, einsam trotz gemeinsam. Carmina dirigierte José zum Hotel Diplomata und sie ging hinein, um nach dem Preis für Übernachtung und Frühstück für uns zu fragen. Während Carmina mit brasilianisch- wippendem Gang die Stufen erklomm und ihr rosa Minirock dabei eine Menge Schenkel zeigte, sagte José:

    "Senhor Marco, cuidado... Vorsicht. Ich kenne dieses Mädchen, das ist ein Strandmädchen, so wie viele hier, immer unterwegs mit Touristen. Wenn Du ein vernünftiges Mädchen suchst, so kann ich..." "Hey José" unterbrach ich ihn, "kein Problem, tudo bem, alles cool."

    Und so war es dann ja auch, alles war gut.
    Pezinho, jensonline, Lemi und 12 Andere sagen Danke.


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  2. #2
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    Standard AW: 1988 - Saudade oder wie die Sucht begann

    Zitat Zitat von Marco_PE Beitrag anzeigen
    Falls es euch gefällt, kommt vielleicht die Fortsetzung...
    Hau in die Tasten.
    Gruss aus Maceió
    Thomas
    Ferienwohnungen in Maceió:
    www.maceio.at

  3. #3
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    Standard AW: 1988 - Saudade oder wie die Sucht begann

    schreib am besten gleich weiter, damit wir nicht auf die Fortsetzung warten müsse.
    (diese Antwort entstand nach dem Mutter -Sohn- Gespräch ohne zu Ende gelesen zu haben)

    abracos

  4. #4
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    Standard AW: 1988 - Saudade oder wie die Sucht begann

    Gut und interessant geschrieben, auf jedem Fall: Weitermachen !
    TITUSOIL - Gewinnmitnahme - Titusoil wurd' erfolgreich verkauft !
    Neu - Neu - Neu - wir schmelzen Ihr Zahngold - jetzt unbedingt die Zähne ziehen lassen !

    'Pestiziden aus der Gruppe der Organophosphate hemmen die geistige Entwicklung von Kindern'.
    Bei Überdosis scheint dieses auch bei Erwachsenen noch geklappt zu haben !!

  5. #5
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    Standard AW: 1988 - Saudade oder wie die Sucht begann

    hat mir sehr gut gefallen - bitte weitermachen ...............

    buggyman


  6. #6
    Neuer Benutzer
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    8

    Standard AW: 1988 - Saudade oder wie die Sucht begann

    Mach weiter! Irgendwie meine Geschichte. Zuerst mit einem soliden Schweizermädchen verheiratet. Dann 20 Jahre lang Brasilien genossen (3 Mal mit Brasilianerin verheiratet) Aber ich habe es genossen, keine Reue und keine Besserung! Werde nach meiner Pensionierung in einem Jahr wieder in Brasilien leben!! Seit vielen Jahren arbeite ich ich einem Altersheim. Habe dort nur Leute getroffen, welche es eigentlich reut, was sie nicht getan (erlebt) haben.

 

 
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